Vor kurzem erklärte mir ein Kanadier, woran die Einheimischen erkennen, wenn ein Fremder ein Haus baut. Schon oft beobachtete er Fremde, wie sie fasziniert im Wald stehen und vom eigenen Haus, in Wildnis und Freiheit träumen. Sobald sie Land erworben haben, fällen sie alle Bäume auf ihrem Grundstück. Dann bauen sie ihr Haus, legen einen Garten an und zäunen ihn ein. Die Einheimischen wundern sich nur über das fremde Verhalten und können nicht nachvollziehen, warum sie alles abholzen, was sie zuvor bewundert haben. Den fremden Häuslesbauer fällt das nicht auf. Sie sagen: „Es ist herrlich, mitten im Wald, in der Wildnis zu leben und sich mit den Tieren einen gemeinsamen Platz zu teilen.“

Wir müssen nicht bis nach Kanada reisen, um fremdartiges Verhalten zu beobachten. Häufig genügt ein Blick in die hiesige Unternehmenslandschaft:

Da ist seit Jahren die Sekretärin, die jeden Morgen ihre Zimmerpflanze gießt und Kaffee für die Kollegen aufsetzt. Bei einer gemeinsamen Tasse tauscht man sich aus, feiert Geburtstag, scherzt, lacht — und schließlich schafft man zusammen das Tagwerk. Bis der neue Chef kommt, der fortan alles optimieren will. In den Büros stehen jetzt Designer Möbel, für die Zimmerpflanze ist kein Platz mehr. Dafür gibt es eine neue Cafeteria mit Kaffevollautomat. Kaffe wird ausschließlich dort und nur noch in der Pause verzehrt. „Schließlich werden die Mitarbeiter fürs Arbeiten bezahlt und nicht für Kaffekränzchen.“

Die Optimierungsmaßnahmen schlagen zu Buche. In den schicken Büros arbeiten alle vor sich hin, nirgendwo ist ein Lachen zu hören, kein „Happy Birthday“ — auf den Gängen herrscht Ruhe! Die kollegiale Atmosphäre weicht der neuen Corporate Culture. Erfolg auf ganzer Linie? Die einen glauben „JA!“: weniger Kaffeekonsum, mehr Arbeitszeit. Die anderen wissen „NEIN!“: weniger Austausch, mehr Fehler, weniger Motivation, weniger Engagement, höhere Krankheitsrate, weniger Fachkräfte …

Hand aufs Herz!

Wenn der Wald erst mal gerodet ist, ist es zu spät! Wenn die Optimierungsaxt erst einmal zugeschlagen hat, ist es mit der Vertrauenskultur vorbei. Seid mutig: Schmeißt die Holzfäller aus euren Chefetagen raus und holt euch Baumpfleger in die Betriebe, die wissen, was ein gesunder Wald braucht.

Herzlichst
Stefanie Aufleger
STEAUF.de

 

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