D – Konstanz | „Moral ist lehrbar“ ist der Konstanzer Professor Georg Lind überzeugt. Was sich nach erhobenem Zeigefinger anhört und unmöglich anmutet, wird bereits in vielen Ländern umgesetzt und scheint bei näherem Hinsehen gar nicht mehr unmöglich. Jetzt präsentiert er seine Lehre als Diskussionstheater.

Der Begründer der Konstanzer Methode der Dilemma-Diskussion (KMDD) greift zu ungewöhnlichen Methoden: In einer theatergleichen Veranstaltung möchte Professor Lind den Besuchern den Weg aus sogenannten Dilemma-Diskussionen zeigen. Und damit verbunden Moralkompetenz greifbar vermitteln. Denn diese ist, wenn nicht vorhanden, das eigentliche Dilemma. Doch der Reihe nach.

Moral – was ist das eigentlich?

Professor Lind erläutert, dass auch er anfangs Probleme hatte. Zu angestaubt war der Begriff Moral. „Es war schwierig, meine Werke zu publizieren. In der Regel verwies man mich an Religionsverlage“, erinnert sich der emeritierte Professor. Doch mit Religion hat sein Thema nichts zu tun. Seit 1973 forschte und lehrte er an der Universität Konstanz im Bereich Bildungsforschung und Psychologie. Neben der KMDD hat er unter anderem eine Methode zur Messung der Moralkompetenz entwickelt, die inzwischen in 39 Sprachen übersetzt und in vielen Studien validiert wurde.

Moral wird meist als Summe der Werte und Vorstellungen, die die meisten Menschen für richtig empfinden, definiert. Also Moral als Einhaltung von Normen und Moral als Gesinnung. Linds Forschung orientiert sich jedoch an einer Definition des Psychologen Kohlberg, Moral als Fähigkeit zu sehen. „Ich möchte zeigen, dass es den Menschen nicht an Idealen, Werten oder Orientierung fehlt, sondern an Moralkompetenz“, so Lind. Er ist sich sicher, dass ALLE Menschen hohe moralische Ideale haben.

Verbrechen trotz moralischer Ideale

Doch wie kommt es zu Gewalt und Verbrechen, zu Betrug und Korruption, wenn doch ALLE Menschen diese Ideale haben? „Verbrechen sind die Folge der Unfähigkeit, die eigenen moralischen Ideale umzusetzen“, so Lind. Und er muss es wissen. Denn nicht nur Menschen, die sich weiterbilden wollen und gewisse Bildungsansprüche haben, waren im Laufe der Jahre seine Gesprächspartner. Lind führte beispielsweise auch Interventionsstudien mit Gefängnisinsassen durch. Sein Resümee: „Kein Mensch wählt freiwillig die schlechtere Option.“ Gewalt, Betrug, Unterwerfung, so lernte er bei den Straftätern, sind die Folge ihrer Unfähigkeit, ihre Probleme und Konflikte durch Nachdenken und Diskussion zu lösen. Also gilt es, diese Fähigkeit zu vermitteln.

Schule als entscheidender Faktor

Doch bei 7,5 Milliarden Menschen auf dieser Erde, von denen jährlich rund eine halbe Million ihr Leben durch vorsätzliche Tötung verlieren, um nur beispielhaft eine Zahl zu nennen, scheint es doch unmöglich, mit „Morallehren“ dagegen ankämpfen zu wollen. „Wir müssen an die Schulen gehen“, bringt es Lind auf den Punkt. „Dort können wir bei Kindern und Jugendlichen die Fähigkeit zum denken und diskutieren fördern. Sie sind die zukünftigen Eltern und Mitbürger. Das ist der entscheidende Faktor, den wir beeinflussen können!“ Dafür hat er vor rund 20 Jahren die KMDD entwickelt und in zahlreichen Ländern eingesetzt. Darunter auch China, Polen, Chile oder Kolumbien, wo er seit 1998 bereits mehrfach eingeladen wurde. Lind bietet zudem auch weltweit Lehrerfortbildungen zur KMDD an.

Er hält es für ideal, wenn an jeder Schule zwei in der KMDD ausgebildete Lehrkräfte zur Verfügung stünden. Denn es hat sich gezeigt, dass bereits ein bis zwei Lehreinheiten à 90 Minuten pro Jahr ausreichen, um bei jungen Menschen Moralkompetenz zu fördern und sie letztlich so selbst den rechten Weg finden zu lassen. Es wäre also nicht mal eine Stundenplanänderung notwendig. Die Ausbildung der Lehrer in Sachen Vermittlung von Moralkompetenz nimmt rund 200 Stunden in Anspruch.

Moral und Demokratie

Wie wichtig Moralkompetenz ist, zeigt Lind im Zusammenhang mit Demokratie auf. Ein Thema, das ihn seit seiner Schulzeit beschäftigt. Demokratie erhalten und weiterführen. Demokratie ist für die meisten Menschen ein moralisches Ideal. „Wir wollen Freiheit, aber haben Angst davor, weil wir nicht ausreichend gelernt haben, mit Freiheit umzugehen.“ Hier setzt die KMDD an. „Der Mensch hat moralische Ideale und die Methode gibt ihm Gelegenheit zum eigenen Nachdenken und zur Diskussion mit anderen – eine Grundvoraussetzung für das Zusammenleben in der Demokratie.“ Greifbar vermittelt wird sie nun in Form eines Theaters. Lind öffnet damit seine wissenschaftliche Methode für die Öffentlichkeit. Einerseits weil Lind „kein Theater gefunden hat, das Menschen anregt nachzudenken und nicht von oben belehrt“, andererseits, weil er sich in dieser Form nicht mehr als Lehrer, sondern als Intendant, Autor und Regisseur fühlt. Und so werden seine neun Phasen aus der wissenschaftlichen Abhandlung zu neun Akten eines Stückes, welches sich die Teilnehmer selbst erarbeiten. Wie im Theater werden die „Dilemmas“ anhand von fiktiven Personen durchgespielt. Lind hat festgestellt, dass dabei Ängste abgebaut werden, sich zu äußern. Es findet eine merkliche Öffnung der Teilnehmer zur Kommunikation statt. Emotionen sind da, aber nie feindselig.

Vom JA zum NEIN in 30 Minuten

Im Diskussionstheater werden „Dilemmas“ aufgegriffen, diskutiert und Wege erarbeitet. Ein Dilemma kann beispielsweise die Frage darstellen, ob denn verdächtige Terroristen gefoltert werden dürfen, um sie zu einer Aussage zu bewegen, die einen potenziellen Anschlag verhindern könnte? Diese Frage hatte Lind einer Gruppe von Schülerinnen gestellt. Ein spontanes, nahezu 100%iges Ja war die Antwort. Der Professor griff jedoch nicht ein, sondern ließ die Schülerinnen weiter diskutieren. „Nach rund 30 Minuten hatten sie sich dann eindeutig für Nein entschieden.“ Nein, nicht foltern. „Die Gruppe hatte quasi in der kurzen Zeit die Menschenrechte erfunden“, so Lind. Er lässt bei den Dilemma-Diskussionen den Teilnehmern bewusst Zeit zum Nachdenken. Das ist oberstes Prinzip.

Wer neugierig ist auf weitere beispielhafte Dilemmas und wie sich Moralkompetenz erlernen lässt, der kann sich zu einem der Workshops mit Professor Georg Lind anmelden. Einen Einblick bieten zudem seine Bücher, auch in verständlicher Kurzform, wie etwa „Moralkompetenz auf den Punkt gebracht“.

25.05., 19.30 Uhr: Diskussions-Theater „Reden & Zuhören“ | Domschule am Münster, D-78462 Konstanz | www.uni-konstanz.de/ag-moral | Anmeldung bis 23.05.

Text & Bild: Tanja Horlacher