Die furchterregendsten Krimis schreibt ganz sicher das Leben. Wir haben uns auf die Suche nach außergewöhnlichen Kriminalfällen rund um den Bodensee gemacht, die wir in den nächsten Monaten – einen ganzen Krimi-Winter lang – vorstellen werden.

Das Grauen hat einen Namen: Der Vierfachmord von Rupperswil

CH – Rupperswil | Es ist herbstlich still. Nur wenige Vögel singen im idyllischen Einfamilienhaus-Quartier Spitzbirrli. Nichts lässt ahnen, welch grausame Bluttat hier verübt worden ist. Nur noch ein paar Kerzen brennen vor dem Haus, in dem im vergangenen Dezember die 48-jährige Carla Schauer, ihre beiden Söhne Davin (13) und Dion (19) und dessen Freundin Simona (21) auf bestialische Weise ermordet worden sind. Gefesselt, mit aufgeschlitzter Kehle und angezündet werden sie am Morgen des 21. Dezember 2015 in ihrem Haus in Rupperswil im Kanton Aargau gefunden.

Es ist früher Morgen im aargauischen 5000-Seelen-Dorf Rupperswil. Drei Tage vor Weihnachten 2015. Alle Welt ist mit Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt. Einer bereitet dagegen ein Blutbad vor. Beobachtet das Haus der Familie Schauer. Als der Lebensgefährte der später ermordeten Carla Schauer zur Arbeit fährt, dringt er mit einer List ins Haus ein. Bedroht Davin, den jüngeren Sohn, und zwingt dadurch die Mutter, Dion, den älteren Bruder, und dessen Freundin Simona mit Kabelbindern zu fesseln. Der Täter zwingt die Mutter dazu, Geld in der nahen Bankfiliale und am Bankomaten abzuholen. Offenbar weil sie die Kinder in der Gewalt des Täters weiß, fährt sie wieder zu dem Haus, ohne die Polizei zu alarmieren. Nach ihrer Rückkehr fesselt er auch sie. Danach vergeht er sich sexuell an Davin, fesselt und knebelt dann auch ihn. Er schneidet allen Opfern die Kehle durch und steckt die Leichen und das Haus mithilfe von Brandbeschleunigern in Brand, um seine Spuren zu beseitigen. Er verschwindet unerkannt aus dem Haus. Die Feuerwehr, die mit 40 Mannen zum Brand ausrückt, merkt schnell, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt und entdeckt das Grauen – eine Situation wie aus schlimmsten Albträumen. Sie finden die vier verkohlten Opfer, die alle Schnitt- und Stichverletzungen aufweisen. Für alle Helfer schwer zu verarbeiten. Was weder die Kriminalpolizei noch die Feuerwehr zu diesem Zeitpunkt wissen: Der Täter ist da. Schaut als Gaffer der Feuerwehr bei den Löscharbeiten zu. Ein Nachbar, der ihn dort gesehen hat, wird das Monate später, als der Mörder gefasst und bekannt ist, aussagen. Dass der Vierfachmörder zurück an den Tatort geht, sei eine typische Reaktion eines sexuellen Sadisten, der sein perverses Kunstwerk noch einmal bestaunen wolle“, wie Psychologe Thomas Spielmann sagt. „Er sieht das nackte Entsetzen der Feuerwehrleute und verfolgt, wie sie schockiert aus dem Haus kommen. Das gibt dem Täter noch einmal ein unglaubliches Gefühl von Überlegenheit – von gottähnlicher Existenz.“ Die brutalen Tötungen und die Brandlegung, so werden die Ermittlungen später ergeben, waren geplant. Der Täter suchte die Opferfamilie sehr wahrscheinlich aufgrund seines sexuellen Interesses am jüngeren Sohn aus.

Die Ermittlungen nimmt eine 40 Mann starke Sonderkommission auf. Sie arbeitet rund um die Uhr. Sucht zunächst im Umfeld der Familie nach dem oder den Tätern. Später wird sogar eine Belohnung von 100.000 Schweizer Franken ausgesetzt werden, der höchste Betrag in der Schweizer Kriminalgeschichte, die aber nicht zu entscheidenden Hinweisen führt. Viereinhalb Monate nach der grausigen Tat tappen die Ermittler noch im Dunkeln. Als letzter Strohhalm zur Aufklärung soll ein Beitrag in der Sendung „Aktenzeichen XY“ ausgestrahlt werden. Der Filmbeitrag ist bereits gedreht, aber noch nicht ausgestrahlt, als nach 146 Tagen – die für viele mit Angst und Unsicherheit besetzt sind –, im Mai dieses Jahres, der Täter gefasst wird: Thomas N., 33-jähriger Medizinstudent. Eine smarte Erscheinung. Gut aussehend. Nicht vorbestraft. Durch Handynetzbewegungsprofile geriet er ins Visier der Ermittlungen. DNA-Spuren vom Tatort überführen ihn schließlich eindeutig.

Der große Schock für alle in der Gemeinde Rupperswil: Er stammt mitten aus dem Dorf. Er wohnte mit seiner Mutter in einem Haus, 500 Meter von dem der Opfer entfernt. Eine Situation, mit der die Nachbarn nicht leicht fertig werden. Fünf Monate lang lebt der Täter also weiter mitten unter ihnen, als ob nichts gewesen sei. Wie kann das sein? „Einfache Morde zeichnen sich dadurch aus, dass in rund 95 Prozent der Fälle der Täter aus dem direkten Umfeld des Opfers stammt. Meist handelt es sich um Taten, deren Motiv erkennbar ist und die in relativ kurzer Zeit aufgeklärt werden können“, sagt Experte Dr. Christoph Paulus, akademischer Oberrat der Fakultät für empirische Humanwissenschaften der Universität Saarbrücken. Vor diesem Hintergrund wird klar, warum die Ermittlungen in dem Vierfachmord von Rapperswil so schwierig waren: Es bestand keine Beziehung zwischen den Opfern und dem Täter. Sie kannten sich höchstens vom Sehen. Thomas N. gesteht die Tat nach seiner Festnahme vollumfänglich. Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau geht von ihm als Einzeltäter aus und gibt schockierende Details der Tat und des Täters bekannt. So soll Thomas N. mit dem erpressten Geld von Claudia Schauer zum Feiern nach Zürich ins Casino gefahren sein. Thomas N. war jahrelang Juniortrainer der Fußballvereine Seetal Selection. Pädophile oder gar sadistische Neigungen hätte dort niemand für möglich gehalten, wie der Pressesprecher von „Seetal Selection“ tief betroffen erklärt. Nach seiner Verhaftung stellt die Kriminalpolizei im Haus von Thomas N. einen Rucksack mit Mordutensilien für die nächste Tat sicher: eine alte Armeepistole, für eine Fesselung vorbereitete Stricke und Kabelbinder sowie Klebeband und Brandbeschleuniger. Sie geht davon aus, dass der Täter weitere gleichartige Verbrechen plante. Wer weiß, wie knapp Rupperswil einer weiteren Bluttat entkommen ist.

Der geständige Thomas N. sitzt seit Monaten als „mutmaßlicher Täter“ im Zentralgefängnis der Justizvollzugsanstalt Lenzburg in Untersuchungshaft. Wie lange es dauern wird, bis er vor Gericht steht, kann die Staatsanwaltschaft Aargau nicht sagen. Denn auch wenn ein Geständnis vorliege, müssen alle Ermittlungen exakt gemacht werden, wie Rolf Grädel, Generalstaatsanwalt im Kanton Bern und Präsident der Schweizerischen Staatsanwälte-Konferenz erklärt: „Dass der Beschuldigte geständig ist, macht das Vorverfahren etwas einfacher. Die Ermittler könnten seine Version nehmen und überprüfen. Doch es besteht immer die Gefahr, dass ein Geständnis zurückgezogen wird. Und auch dann muss die Anklageschrift dicht sein. Alle Ermittlungshandlungen müssen intensiv dokumentiert sein, alle Ergebnisse des kriminaltechnischen Dienstes, alle Befragungen. Ist die Untersuchung abgeschlossen, erhalten die Klägerschaft und der Beschuldigte eine Frist, in der sie weitere Beweisanträge stellen können. Danach kann ein Termin für die Verhandlung angesetzt werden. Und spätestens vor Gericht wird es weitere Erkenntnisse geben. Dort wird auch die Frage erörtert werden, wie es Thomas N. fertigbrachte, die vier Opfer ganz alleine unter Kontrolle zu halten. Die Gräueltat im aargauischen 5000-Seelen-Dorf Rupperswil wird als eines der schlimmsten Verbrechen in der Schweiz in die kriminalistische Geschichte eingehen.


Isabelle Kellenberger – war es Mord?

D – Überlingen | Der mysteriöse Tod einer jungen Frau aus Überlingen gibt große Rätsel auf. Sie wurde am 9. Juni 2016 an einer schwer zugänglichen Stelle am Ufer des Bodensees in Überlingen-Goldberg gefunden, in unmittelbarer Nähe der Silvesterkapelle. Unter einer Weide, in 30 Zentimeter tiefem Wasser. Nur bekleidet mit Slip und BH. Vermutlich ist sie im Bodensee ertrunken. Vermutlich. Aber was geschah wirklich mit der 28-jährigen Isabelle Kellenberger? Niemand weiß es.

Am Donnerstag, 2. Juni, verbringt sie von 16 bis 20 Uhr einen Spieleabend bei einem befreundeten Ehepaar. Zwischen 22.30 und 23.15 Uhr hört sie – wahrscheinlich sie – in ihrer Wohnung über ihr Notebook Musik. Das zeigt später der Notebook-Verlauf. Am Morgen des 3. Juni um 4 Uhr telefoniert sie über ihr Handy mit ihrem Freund. Danach verliert sich ihre Spur völlig. Als der Freund tagelang nichts von ihr hört, setzt er sich mit den Eltern in Verbindung. Diese fahren zur Wohnung ihrer Tochter nach Überlingen. Weil sie von außen nichts Ungewöhnliches bemerken, gehen sie erst nicht hinein, obwohl sie einen Schlüssel haben. Sie wollen die Privatsphäre ihrer Tochter respektieren. Als es weiterhin kein Lebenszeichen von der jungen Frau gibt, gehen sie am 8. Juni kurz in die Wohnung und melden sie schließlich am 11. Juni als vermisst. Doch zu diesem Zeitpunkt ist die junge Frau schon tot. Sie wurde am Donnerstag, 9. Juni um 16.30 Uhr bereits als unbekannte weibliche Wasserleiche am Überlinger Seeufer gefunden. An einem, weder von Landseite noch von der Seeseite einsehbaren und schwer zugänglichen Privatgrundstück. Der Todeszeitpunkt kann nicht exakt festgestellt werden, aber aufgrund des Algenbewuchses liegt er wohl Tage zurück.

Wer war bei Isabelle?

Claudia Kellenberger und Karl-Heinz Hulin, Mutter und Stiefvater der jungen Frau, die in Herdwangen-Schönach leben, werden am 12. Juni spätabends über Isabelles Tod benachrichtigt. Die Beamten sprechen von Unfall oder Tötungsdelikt. 13 Stunden später stehen die Eltern in Isabelles Wohnung zwecks DNA-Abgleich. Ein Kriminalkommissar spricht nun von Selbstmord. Die Eltern aber glauben nie an einen Suizid. Sie, die jüngere Schwester der Toten, der Freund, Freunde und Bekannte beschreiben Isabelle als lebensbejahende junge Frau mit vielen Plänen, als schlank, sportlich, hübsch, gesellig, offen und hilfsbereit. Isabelle Kellenberger war Rettungsschwimmerin, arbeitete als Bademeisterin im Strandbad Nussdorf. In den Tagen ihres Verschwindens herrschte aber kein Badewetter. „Isabelle hat ihre Aufsicht dort vorbildlich gemacht. Ich war stolz auf sie, besonders auf ihre Aussage: ‚Unter meiner Aufsicht, ertrinkt hier niemand‘“, berichtet ihr Stiefvater. Nichts deute auf einen Suizid hin und es gebe auch einfach zu viele Ungereimtheiten. Zu viele Fragezeichen. Zufälle. Für die Eltern steht fest, dass Isabelle in ihrer letzten Stunde nicht alleine war. Sie sind sich sicher, dass jemand bei ihr war. Aber wer? War es ein Freund, ein Bekannter? Sie wurde sehr wahrscheinlich an ihrer Erdgeschosswohnung (mit Terrasse), die rund fünf Kilometer vom Auffindort entfernt liegt, von jemandem abgeholt. Vertraute sie ihm und ging freiwillig mit? Oder wurde sie bedroht? Isabelle hatte kein Auto. Und ihr Fahrrad stand abfahrbereit an der Wohnung. Fuhr sie mit der Person auf den See hinaus? Wurde sie dann umgebracht oder war es ein tragischer Unfall und derjenige hat jetzt nicht den Schneid dazu, sich zu melden?

Wer ging an Isabelles Handy?

Alles zermürbende Spekulationen. „Das Leben unserer Tochter Isabelle wurde ausgelöscht und wir fragen uns, warum“, schreiben die Eltern im Rahmen der Todesanzeige. Auf eigene Faust tragen sie viele Fakten zusammen, die für sie auf eine ungeklärte Todesursache hindeuten. Der offensichtlich überstürzte Aufbruch ihrer Tochter aus ihrer Wohnung werfe viele Fragen auf. Und wo sind die persönlichen Gegenstände von Isabelle? Ihre olivgrüne Adidas Collegetasche fehlt, ihr Geldbeutel samt Ausweis. Ihr Schlüsselbund. Ihre Kleidung. Wahrscheinlich trug die junge Frau schwarze Jeans und auf jeden Fall braune Turnschuhe der Marke Kangaroo, Größe 37 mit Klettverschluss. Und vor allem das Handy, ein älteres schwarzes Samsung Galaxy Mini, in einem Lederetui, das eine besonders rätselhafte Rolle spielt: Am vermutlichen Todestag steht ihre jüngere Schwester vor Isabelles Wohnung. Weil sie nicht aufmacht, schickt sie eine WhatsApp-Nachricht um 12.59 Uhr an Isabells Handy, die aber nur einen einzigen grauen Haken bekommt. Also nicht zugesandt wird. Dabei habe Isabelle ihr Handy nie ausgeschaltet. Und später – also auch nach Isabelles Tod, ist das Handy dann wieder aktiv. Am Sonntag, 5. Juni, Isabelle ist zu diesem Zeitpunkt wohl seit zwei Tagen tot, ruft eine Bekannte an, und es melden sich auf Isabells Handy zwei ältere Personen, ein Mann und eine Frau, Maschinengeräusch im Hintergrund, man versteht fast nichts und legt dann halt auf. Ebenso ergeht es einem weiteren Bekannten von Isabelle. Andere Bekannte, die sie anrufen wollten und nicht erreichten, erhalten Benachrichtigungs-SMS, das Handy von Isabelle sei ab sofort wieder erreichbar. Das geht bis zum Donnerstag 23. Juni, also 20 Tage nach ihrem vermutlichen Tod. Wie lange hält so ein Akku eines älteren Handys? Die Polizei vermutet Überlagerungen im Netz, die es tatsächlich geben kann. Aber gleich zweimal und dann ausgerechnet jetzt? Auch in der Wohnung ist manches merkwürdig. Die Vorhänge sind zu, ihr Kettchen, das sie immer trug, liegt auf dem Tisch – alles sieht nach einem ungeplanten Aufbruch aus.

Isabelle war glücklich mit ihrem Leben

Die Tatsache, dass die Leiche nur in BH und Slip aufgefunden wurde, bei Wassertemperaturen von 17 Grad – und absolut keinem Badewetter, ist ebenfalls äußerst merkwürdig für die Eltern. Freunde berichten, dass sie in der Nähe mal baden gegangen ist, an einem dieser Insiderplätze, aber nie allein, weil sie das zu gefährlich fand. Hat sie also jemand entkleidet? Wo ist ihre Kleidung abgeblieben? Nirgends wurde etwas angeschwemmt oder gefunden. Und, so fragt der Stiefvater: „Wer läuft fast fünf Kilometer durch Überlingen, knallt sich Alkohol und Drogen in die Birne (ohne Geld!), zieht sich aus, wirft erst die Klamotten und dann sich selbst in den See? Ohne Grund?“ Isabell war glücklich mit ihrem Leben und mit ihrem Freund. Da sind sich alle sicher. Die Eltern wenden sich schließlich an die Öffentlichkeit. Über die regionalen Tageszeitungen, über Radio und die Fernsehsendung „Fahndung Deutschland“ suchen sie nach Zeugen, die am oder um den 3. Juni etwas beobachtet haben. Ohne Ergebnisse.

Mit Kokain hat Isabelle nie etwas zu tun gehabt

Bei der Obduktion kann keine eindeutige Todesursache ermittelt werden. Außer inneren Blutungen an Kopf und am Hals weist Isabelles Körper keine sichtbaren und auch keine äußeren Verletzungen auf. Und diese Verletzungen könnten auch postmortal entstanden sein. Die Leiche hat etwa eine Woche im Wasser gelegen und hätte dabei leicht an einen Stein oder Baum schlagen können. Strangulationsmerkmale werden auch keine gefunden. Außerdem wird ein mit 1,1 Promille deutlich erhöhter Blutalkoholpegel sowie Spuren von Kokain im Blut festgestellt. Dabei wurde wohl auf dem Spieleabend nur wenig Sekt und Bier getrunken. Und mit Kokain habe Isabelle laut ihren Eltern nie etwas zu tun gehabt, hätte auch gar kein Geld dafür gehabt. In der Wohnung werden weder Alkohol noch Spuren von Kokain gefunden.

Wer kann Licht ins quälende Dunkel bringen?

Die Ermittlungen gehen weiter. An Suizid glaubt niemand mehr. Die Akte Isabelle ist nach wie vor offen, der mysteriöse Fall wird von der Staatsanwaltschaft behandelt. Was ist passiert? War es ein Unfall während einer feucht-fröhlichen privaten Party, wenn das auch gar nicht ihr Stil gewesen wäre? Wer war dann bei ihr? Wieso meldet die Person sich nicht und bringt Licht ins quälende Dunkel? Oder war es doch ein Gewaltverbrechen? Noch immer werden Zeugen gesucht, die am oder um den 3. Juni herum etwas beobachtet haben – an Land oder auch auf einem Boot auf dem Bodensee – oder irgendetwas wissen, was zur Aufklärung von Isabelle Kellenbergs Tod beitragen könnte, oder auch die vermissten Gegenstände gefunden oder bei jemandem gesehen haben.

Zeugen werden gebeten, mit der Kriminalpolizei in Friedrichshafen, +49 (0)7541 70 10, Kontakt aufzunehmen.


Der Beilmörder

D – Ravensburg | Ein Mann schleicht sich in den frühen Morgenstunden des 17. August 2016 in der Justizvollzugsanstalt Hinzistobel in Ravensburg ins Bad. Er hat sein Bettlaken dabei, erhängt sich damit am Toilettenfenster.

Seine Mitgefangenen finden ihn gegen 5.30 Uhr und setzen einen Notruf ab, der Notarzt kann nur noch den Tod feststellen. Durch seinen Freitod – Hinweise auf eine Fremdeinwirkung gibt es nicht und in seinen persönlichen Sachen werden mehrere Abschiedsbriefe gefunden – wird die Akte eines der schrecklichsten Verbrechen geschlossen, das jemals in Ravensburg verübt wurde: Er war der mutmaßliche Dreifachmörder von Untereschach. Der 53-jährige Deutsche mit italienischer Abstammung hat seine 37-jährige thailändische Frau sowie seine beiden 14 und 18 Jahre alten Stieftöchter mit einem Beil und einem Messer getötet. Aus Kalkül, aus Heimtücke, aus „niederen Beweggründen“, sagen Ermittler später.

Panische Schreie dringen durch die Nacht

48 Tage zuvor. Es ist die Nacht auf den ersten Juli 2016. Schreie dringen durch das sonst so ruhige Wohnviertel in Untereschach bei Ravensburg. Es sind die panischen Schreie von Menschen in höchster Not. Ein kleines Mädchen wird davon aus dem Schlaf gerissen. Bekommt große Angst. Schließt das Fenster, begreift glücklicherweise nicht, was in jenen Minuten und auch Stunden danach passiert. Auch andere Nachbarn schrecken aus dem Schlaf. Hören entsetzliche Schreie und Geräusche von Schlägen. Betätigen den Notruf. Zur gleichen Zeit – gegen 1.30 Uhr – geht ein weiterer Notruf bei der Polizei ein. In der Leitung eine weibliche Stimme, deren Worte unverständlich bleiben, der Anruf bricht abrupt ab. Die Polizei ermittelt die Adresse, rast mit drei Streifenwagen des Polizeireviers Ravensburg zur gepflegten Doppelhaushälfte in der Obereschacher Straße.

Die Polizisten finden drei Leichen

Alles ist jetzt ruhig. In dem Haus brennt Licht, auf das Klingeln hin öffnet aber niemand. Die Beamten verschaffen sich über die Terrasse Zutritt ins Haus – finden erste Blutspuren und treffen auf einen Mann mit einem fünfjährigen Kind auf dem Arm. Die Situation ist unklar. Die Beamten durchsuchen das Haus. Über drei Geschosse verteilt, finden sie drei Leichen. Brutal zugerichtet. Nach Befragungen und Verhör des Mannes erschließt sich den Ermittlern ein grauenvolles Familiendrama. Es beginnt vor elf Jahren in Thailand, wo sich das Paar kennengelernt hat. Die Thailänderin folgt dem Mann nach Deutschland, ihre beiden Kinder kommen nach. Finanziell geht es der später um ein gemeinsames Wunschkind gewachsenen Familie gut. Der Familienvater arbeitet bei einer großen Firma in Friedrichshafen. Offenbar schon vor Jahren setzen aber Beziehungsstreitigkeiten ein, Konflikte und Eifersucht. Im Frühjahr 2016 spitzt sich die Lage zu. „Das spätere Opfer hatte einen neuen Freund“, berichtet Polizeivizepräsident Uwe Stürmer damals auf einer Pressekonferenz. Der Ehemann gerät zunehmend in Verzweiflung. Er observiert seine Frau, sieht sie schließlich in diesen Tagen mit dem Freund. Erfährt, dass die Frau ihn nun verlassen will. „Da hat er wohl keinen Ausweg mehr gesehen“, sagt Oberstaatsanwalt Karl-Josef Diehl von der Staatsanwaltschaft Ravensburg. Tief gekränkt schmiedet er einen Plan. Die Frau und die beiden älteren Töchter sollen sterben. Und wahrscheinlich auch er und die fünfjährige, leibliche Tochter. Am Tatort findet die Polizei mehrere Abschiedsbriefe, die beweisen, dass die Tat gut vorbereitet und geplant war, dass der Täter sehr strukturiert vorgegangen ist und aus niedrigen Beweggründen gehandelt hat.

Ein zerstörtes Handy liegt neben der Leiche

Am Donnerstagabend wartet er bewusst, bis alle schlafen. Zunächst tötet er heimtückisch mit Beil und Messer im ersten Stock die schlafende, wehrlose 18-jährige Tochter, bestialisch und gnadenlos. Durch die Schreie und Schläge, so Uwe Stürmer, wird die Frau im Erdgeschoss wach, offenbar will sie noch fliehen, vergeblich, er überwältigt und tötet sie. Im Obergeschoss setzt die 14-Jährige, so die Vermutungen, um etwa 1.30 Uhr den Notruf ab. Auf dem Notrufband ist zu hören, dass die Jugendliche nicht in der Lage ist, sich verständlich zu machen. Die Polizei geht davon aus, dass die Morde während des Notrufs stattfanden. Neben ihrer Leiche findet die Polizei ein zerstörtes Handy. Der Notruf kann ihr Leben nicht retten, wahrscheinlich aber rettet er das Leben ihrer fünfjährigen Halbschwester. Denn, so sagt der Täter bei der Vernehmung aus, er hatte vor, die leibliche Tochter, an der er sehr hing und die er nicht zurücklassen wollte, und dann sich selbst außerhalb des Hauses an einem Ort im Freien ebenfalls zu töten. Als die Polizei eintrifft, will er das Haus eben mit dem Kind verlassen, um den erweiterten Suizid zu begehen. Er lässt sich widerstandslos festnehmen, gesteht und schildert die grausame Tat klar und deutlich.

Horror im Schwabenland

In Untersuchungshaft, wo der Monteur auf seinen Prozess wartet, gilt er von Anfang an als selbstmordgefährdet und steht deshalb unter Beobachtung. Er war in einer Dreier-Zelle untergebracht, damit seine beiden Mithäftlinge ein Auge auf ihn haben konnten. Zudem wurde er sozial, psychologisch und medizinisch betreut, wie Oberstaatsanwalt Karl-Josef Diehl berichtet. Dennoch gelingt es ihm, sich zu erhängen. Der überlebenden Tochter bleibt nun aber „eine Zerreißprobe erspart“, so Josef Hiller von der Opferschutzorganisation Weißer Ring in Ravensburg: „Einerseits hat sie ihren Vater verloren. Aber andererseits muss sie sich jetzt keine Gedanken über den Umgang mit einem Vater im Gefängnis machen, der sie überdies ja auch umbringen wollte.“ Die inzwischen fast Sechsjährige ist in der Obhut des Jugendamtes und in einer Pflegefamilie. Es ist eine Tragödie, die die Leute schockiert und ratlos zurücklässt, mit der Frage, was einen Menschen so weit treibt, so außer Kontrolle geraten lässt. Den Täter hatten die Nachbarn als freundlichen Menschen empfunden. Sie sprechen von einer „normalen, einer glücklichen Familie“. Normalität und Glück waren aber wohl nur vermeintlich, und sie endeten in der Nacht auf den ersten Juli 2016 auf eine Weise, die nichts für schwache Nerven ist, die an Horrorfilme erinnert. „So etwas sieht man sonst im Fernsehen, aber nicht in einem Dorf im Schwabenland. Und nun haben wir auch so einen Fall“, sagt ein Nachbar. Genaueres über die Gefühlswelt des Mörders und über die Hintergründe der schrecklichen Bluttat wird die Welt nun nie erfahren, sagt Oberstaatsanwalt Karl-Josef Diehl.


Kopfschuss – Mord und Totschlag

Bestialische Gewaltverbrechen erschüttern das Schussental

Und es ist nicht das einzige Schwerverbrechen, das im vergangenen Sommer im Schussental verübt wurde und das Diehl bearbeitet. Eine vergleichbare Ballung von Gewaltverbrechen habe es in der Region bislang noch nicht gegeben: Innerhalb von drei Wochen kamen im Mittleren Schussental Ende Juni bis Anfang Juli 2016 fünf Menschen gewaltsam zu Tode. Das erste Gewaltverbrechen ereignete sich am 21. Juni in Weingarten im Möwenweg. Ein 60-Jähriger und seine 40-jährige Partnerin sollen den ehemaligen Geliebten der Frau (49) gemeinschaftlich getötet haben. Der mutmaßliche Mörder saß bis 2012 in Haft, weil er zuvor schon zwei Menschen umgebracht hatte. Auch die Frau war bereits straffällig geworden. Beide Beschuldigten kommen aus dem Raum Weingarten. Das Opfer wurde durch einen Kopfschuss heimtückisch und aus kurzer Distanz getötet. Auch hier gab es einen konkreten Tatplan. Beide waren kurz nach der Verhaftung geständig. Der Prozess gegen die beiden wird in diesen Tagen vermutlich eröffnet.

Inszenierter Suizid

Schwierig gestalteten sich die Ermittlungen im Fall des 45-jährigen Mannes, der möglicherweise den Selbstmord seiner Frau in Berg vorgetäuscht hat. Die 43-jährige Mutter von drei Kindern war am 10. Juli erhängt in ihrer Wohnung gefunden worden. Später kamen Zweifel an der Selbstmordtheorie auf. Der seit Februar 2016 von der Frau getrennt lebende Mann geriet in den Fokus der Ermittlungen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen sind abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft Ravensburg hat vor dem Landgericht Ravensburg Anklage wegen des Verdachts des Mordes erhoben.

Mord und Totschlag

Im deutschen Strafrecht wird zwischen Mord und Totschlag unterschieden. In Abgrenzung zur fahrlässigen Tötung (etwa bei einem Verkehrsunfall) liegt beiden Straftaten die Absicht zugrunde, das Opfer zu töten. Um Totschlag kann es sich zum Beispiel handeln, wenn der Täter im Affekt in einer besonderen emotionalen Lage handelt, ohne die Tat vorher geplant zu haben. Mordmerkmale sind hingegen neben der Planung zum Beispiel – Habgier (etwa, um an die Lebensversicherung des Partners zu kommen) – Mordlust (Freude am Töten) – die Befriedigung des Geschlechtstriebs (Lustmord) – Heimtücke (Ausnutzen der Wehrlosigkeit des Opfers, zum Beispiel im Schlaf) – die Verdeckungsabsicht einer anderen Straftat oder Ermöglichungsabsicht einer anderen Straftat – sonstige niedere Beweggründe wie Rassenhass – Grausamkeit (das Opfer verdursten lassen, foltern, quälen) – gemeingefährliche Mittel (zum Beispiel Bomben).

Strafmaß

Totschlag wird mit Haft von fünf bis 15 Jahren bestraft, während auf Mord „lebenslänglich“ steht. Die lebenslange Freiheitsstrafe wird auf unbestimmte Zeit (mindestens 15 Jahre) ausgesprochen, danach wird in regelmäßigen Abständen in einer Haftprüfung festgestellt, ob der Rest der Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Durchschnittlich bedeutet lebenslang in Deutschland 17 bis 20 Jahre. Außer bei einer besonderen Schwere der Schuld, dann verlängert sich die Haftstrafe im Schnitt auf 23 bis 25 Jahre. Liegt eine Gefährdung der Allgemeinheit vor (bei zu befürchtenden Rückfälligkeit eines Triebtäters zum Beispiel) kann auch nach minderschweren Straftaten wie gefährlicher Brandstiftung, bei der nur ein Sachschaden entstanden ist, eine Sicherungsverwahrung angeordnet werden, die im Grunde einer lebenslangen Freiheitsstrafe (allerdings unter angenehmeren Bedingungen) entspricht.