Was passiert, wenn Che Guevara auf Mutter Teresa trifft? Genauso vielschichtig wie seine Protagonisten ist auch der aktuelle Kinofilm „Bis wir tot sind oder frei“ (Premiere 25.11.) über den Schweizer Berufsverbrecher Walter Niklaus Stürm, der auf die idealistische Anwältin Barbara Hug trifft – und so plötzlich vom unpolitischen Kriminellen zur Identifikationsfigur der Linken in der ganzen Schweiz gemacht wird.

Walter Niklaus Stürm (1942–1999) war ein Berufsverbrecher, der in den 1980er-Jahren von den Medien in der Schweiz als „Ausbrecherkönig“ und Sozialrebell gefeiert wurde. Trotz seines Ruhmes und der Tatsache, dass Stürm jeder Person über 40 Jahren in der Schweiz ein Begriff ist, wurde bisher nur ein Buch über ihn verfasst. Reto Kohlers „Stürm – Das Gesicht des Ausbrecherkönigs“ (2004), das im Oktober 2021 unter „Ausbrecherkönig Stürm – Im Gefängnis der Lügen“ überarbeitet und ergänzt im Zytglogge-Verlag erschienen ist. Seit Ende November läuft Stürms Leben nun auch in den Kinos. Bietet er doch jede Menge Stoff für die Leinwand.

1942 in Goldach im Schweizer Kanton St.Gallen als eines von fünf Kindern des Unternehmers Eduard Stürm geboren, wurde Walter Niklaus Stürm als Fünfzehnjähriger der Vergewaltigung beschuldigt und von der Schule genommen. Sein Vater zwang ihn, eine Lehrstelle anzunehmen. Mit der Ausbildung zum Kfz-Schlosser entwickelte Stürm eine Schwäche für schnelle, teure Autos. Seine umfangreiche kriminelle Karriere begann: Verkauf gestohlener Autos, Einbruch, Tresorknacken. 1964 zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren verurteilt, folgte schon kurz darauf der erste von insgesamt acht (!) erfolgreichen Ausbrüchen.

Anwältin Barbara Hug galt als besonders hartnäckige, betont politisch motivierte und sozial eingestellte Kämpferin der linken Szene, deren Ruf weit über Zürich hinaus strahlte. Sie arbeitete oft pro bono gegen das rückständige Rechtssystem der 1980er-Jahre. In der Schweiz fehlte bis dato eine Identifikationsfigur für die Linken, wie es sie in Italien, Frankreich und Deutschland gab. In Stürm fand die Idealistin einen unerwarteten Verbündeten. Sie wollte seine Popularität als „Ausbrecherkönig“ für ihr Ziel nutzen, den Strafvollzug in der Schweiz zu reformieren. „Wir machen den Stürm zu unserm Che“ – so war ihr großer Plan und so hat sie, die ein Gerichtsschreiber als „Mischung aus Rosa Luxemburg und Mutter Teresa“ charakterisiert haben soll, ihn zur Legende gemacht,  zur Symbolfigur der linken Bewegung. Und das, obwohl Stürm sich nicht für Politik interessierte und null radikal motiviert war. Zunächst wehrte er sich auch gegen diese Rolle – bis er merkte, dass er dafür angehimmelt wurde.

Und so forderten Jugendliche bei zahlreichen Demonstrationen auf Zürichs Straßen in den 1980ern auf Hauswänden, Transparenten und Betttuchbannern „Freiheit für Stürm“. Es gab gewalttätige Ausschreitungen zwischen der Polizei und jungen Autonomen; Prominente setzten sich für Stürms Freilassung ein. Die Fantasie einer ganzen Generation von politischen Aktivisten regte Stürm allein dadurch an, dass er es den Oberen mal wieder zeigte und aus einem Gefängnis ausbrach.

Regisseur Oliver Rihs schreibt im Regie-Kommentar: „Walter Stürm ist … ein Mythos: Für manche war er der große Ausbrecherkönig der 1980er- und 1990er-Jahre, ein irrwitziger Robin Hood oder Mini-Che-Guevara, für andere einfach ein gefährlicher Soziopath. Die Faszination seiner Figur liegt in seinem radikalen Freiheitsdrang, der nicht nur ihn und die Gesellschaft, sondern letztlich auch seine langjährige Anwältin Barbara Hug prägte.“

Zu Zeiten der Corona-Demos „trifft das im Moment schon sehr ins Schwarze. Freiheit ist ein Thema, das uns im Moment alle umtreibt: Wie stark werden wir vom Staat kontrolliert? Inwieweit ist das gut oder gefährlich? Wie viel sollte der Staat entscheiden? Ab wann wird es kritisch? Wann sollte man sich nicht mehr fügen und um die Freiheit kämpfen? ,Bis wir tot sind oder frei‘ reflektiert sehr viele Fragen, die für die heutige Zeit relevant sind.“ (Oliver Rihs)

Buch
Reto Kohler

Ausbrecherkönig Stürm – Im Gefängnis der Lügen
Zytglogge Verlag

ISBN 978-3-7296-5056-5

Kinofilm
Stürm: Bis wir tot sind oder frei
CH 2020 – Crime
Ab 14 Jahren
Regie: Oliver Rihs

Mit Joel Basman, Jella Haase, Marie Leuenberger, Anatole Taubman, Bibiana Beglau, Beat Marti, Martina Schöne-Radunski, Pascal Ulli

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