„Es waren einmal ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn. Altersschwach begaben sich die mutigen Helden gemeinsam auf die Suche nach einer sicheren Unterkunft für ihren Lebensabend.“ So ähnlich hört es sich an, wenn das verstaubte Märchenbuch aus dem Regal geholt wird und die Geschichten der Gebrüder Grimm ihren Anfang finden. Die Inhalte lassen längst Vergangenes erahnen, doch das Gründen einer Alters-WG wie bei den Bremer Stadtmusikanten ist heute aktueller denn je – um nur ein Beispiel zu nennen.

Das Theater Konstanz und Intendant Christoph Nix haben sich genau diesen Themen verschrieben und mit der Aufführung der „Bremer Stadtmusikanten“, inszeniert von Michael Bleiziffer, ein Familienstück auf die heimische Bühne geholt. Auch Magdalena Schaefer inszeniert mit „Rudi Rakete“ ein Stück für die ganze Familie. Noch bevor sich die Zuschauerplätze zur Uraufführung am 24. November füllen, hat akzent zwölf Tage vor der Premiere der „Stadtmusikanten“ die Bühnenbildnerin Bozena Szlachta und die Kostümbildnerin Uschi Haug im Theater getroffen, um über ihre Arbeit zu sprechen. Auch Ausstatterin Susanne Harnisch erzählt von dem Glänzen in den Augen der Kinder, wenn sie „Rudi Rakete“ bestaunen.

Die Vorbereitungen laufen seit Wochen auf Hochtouren – man könnte es fast die Ruhe vor dem Sturm nennen. Aber es scheint, als würden sich die zwei von diesem Stress nicht aus der Ruhe bringen lassen. Uschi Haug und Bozena Szlachta sitzen entspannt nebeneinander und blicken freudig in die Runde. „Märchen geht immer“, schwärmt die studierte Modegrafikerin Uschi Haug. „Ich erinnere mich an meinen ersten Theaterbesuch mit sechs Jahren in Augsburg, das war Frau Holle. Und seitdem bin ich wohl am Theater hängen geblieben.“ Sofort nickt Bozena Szlachta. Zwar sei ihr Lieblingsmärchen nicht Frau Holle, sondern Aschenputtel, aber ihre ersten Berührungen mit dem Theater haben einen ähnlichen Ursprung: „Ich bin mit den Märchen von Andersen und dem Puppentheater wie die Augsburger Puppenkiste groß geworden.“

Bozena Szlachta + Uschi Haug

Der Weg zur Bühne

Die gebürtige Polin lebt seit 1982 in Deutschland. Szlachta erinnert sich kaum an polnische Märchen aus ihrer Kindheit – und wenn, dann seien diese infiltriert von Zensur gewesen. Schon beeindruckend, dass sie trotz solcher Stolpersteine den beruflichen Weg in die Kunst gefunden hat. Inspiriert von Schulausflügen ins Theater, zog es Szlachta durch ein Praktikum Richtung Bühne, wo sie „Blut geleckt“ habe, erzählt sie begeistert. „Eigentlich bin ich Designerin und Grafikerin. In Kassel hatte ich eine große Ausstellung und da ist ein Regisseur zu mir gekommen und war anscheinend so beeindruckt, dass er meinte, ich solle ihm ein Bühnenbild machen. Und das tat ich dann auch“, erzählte sie schmunzelnd. Uschi Haugs Weg in die Kostümbildnerei ist im Vergleich dazu geradliniger. Schon als Kind ist sie mit Ballettschuhen über die Augsburger Theaterbühne getanzt und hat sich als junge Frau an der Deutschen Meisterschule für Mode in München um ein Studium beworben, wo sie glatt aufgenommen wurde. Durch ihren guten Draht zum Augsburger Theater fand sie im Anschluss ein Volontariat in der Ausstattung. „Dann habe ich Bühnenbilder gemacht, weil ich gerne mit der Hand arbeite, und da wurde mir dann vom damaligen Intendanten mein erstes Stück, ‚Kontrabass‘ von Patrick Süskind, angeboten“, erinnert sie sich.

Auf die Frage, wann die Planungen für ein Stück beginnen, schauen sich die zwei Künstlerinnen nachdenklich an. Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. „Monate vor der Aufführung trifft man sich mit dem Regisseur. Für dieses Stück haben wir uns schon im Juni getroffen. Es kann aber auch sein, dass man innerhalb von kürzester Zeit planen muss. Ich hatte mal nur acht Wochen! Das war stressig …“, erzählt Bozena Szlachta stirnrunzelnd. Ihre Kollegin Uschi Haug nickt bestimmt: „Es ist wahnsinnig, was etwa die Schneiderei im Hintergrund leistet. Ich bin mir nicht sicher, ob es den Zuschauern bewusst ist, dass beinahe jedes Kleidungsstück eine Maßanfertigung ist.“

Hier wird gezaubert

In Konstanz hat die Kostümbildnerin schon an mehreren Märchen mitgearbeitet und schwärmt von der familiären Atmosphäre. Szlachta nickt zustimmend, träumt aber ebenso von größeren Bühnen: „Ich glaube der Ritterschlag jedes Bühnenbildners ist der Ring der Nibelungen. Das wäre was …“ Mit vier Livemusikern ist das Stück in Konstanz aber ebenso bestens ausgestattet. Neben Rudolf Hartmann hat Frédéric Bolli die musikalische Leitung inne, und Künstlerin Bozena Szlachta schwärmt über die von ihm eigens „kleine komponierte Oper“. Sie findet, dass am Theater Konstanz die Enthusiasten zu Hause seien. Gerade mit einem kleinen Budget sei es schwierig zu planen. Aber hier in Konstanz werde manchmal … „gezaubert“, sagen die zwei wie im Chor und lachen.

Susanne Harnisch

Auch Susanne Harnisch zaubert. Sie ist für die Ausstattung des Familienstücks „Rudi Rakete und das Haus am Fluss“ verantwortlich, das seine Premiere am 1. Dezember in der Theaterwerkstatt Konstanz feiert. Rudi Rakete begibt sich mit seiner Freundin Prinzessin Moa und dem mehr oder weniger gefürchteten Piraten Käpt’n Schleuder auf eine spannende Schatzsuche, bei der sie vielen merkwürdigen Wesen begegnen. Im Gegensatz zu den „Bremer Stadtmusikanten“ ist Susanne Harnisch alleinverantwortlich für die Kostümierung und das Bühnenbild: „Ich finde das sehr schön, dass man den Blick aufs Ganze hat. Das ist natürlich auch mehr Aufwand.“ Aber diesen Aufwand nimmt sie gerne in Kauf, da sie den „schönsten Job der Welt“ habe. „Man kann frei seine Fantasie entfalten, da man die Kinder zum Staunen bringen möchte“, schwärmt Harnisch.

In dieser Spielzeit arbeitet die Technik bei den „Bremer Stadtmusikanten“ mit Projektionen. Das bietet neue Möglichkeiten, ein Bühnenbild zu konstruieren. Als der Regisseur die Spezialistin Szlachta angerufen hat, habe er eine Bedingung gestellt: „Er meinte zu mir, wir müssen die Kinder verzaubern. Das war die oberste Priorität. Dabei ist mir mein Herz aufgegangen. Und genau das ist es, was Theater ausmacht: Verzauberung, Abenteuer, aber eben auch Anstrengung, um das bestmöglichste Endergebnis zu erzielen.“ Auch Uschi Haug antwortet mit einem verschmitzten Lächeln: „Kindertheater ist einfach was Tolles. Da geht man viel liebevoller an die Gestaltung.“

Märchen mit Message

„Die Bremer Stadtmusikanten“ geht nur knapp eine Stunde und das sei auch gut so, weist Szlachta auf die niedrigere Aufmerksamkeitsspanne von Kindern hin. Sie legt ihren Kopf schief und gesteht, dass sie Kinderstücke viel schwieriger zu konzipieren findet. Ihre Kollegin pflichtet ihr bei: „Man muss ganz genau darauf achten, dass die Kinder sich wohlfühlen. Da kommt plötzlich eine harmlose Lichtstimmung auf, die den Kindern aber nicht geheuer ist. Und dann bekommen sie plötzlich Angst. Zum Glück gibt es die Theaterpädagogen, die zu unseren Proben kommen.“

Trotz Märchenhandlung ist das Theaterstück nicht nur für Kinder gedacht. Die Geschichte der Bremer Stadtmusikanten ist so einfühlsam, dass die „Message dahinter“, wie Haug sie betitelt, auch heute noch für Jung und Alt zutrifft: „Gemeinsam gibt es Hoffnung, eine Zukunft und eine Vision. Mit einem Ziel. Und wenn man in diese Richtung geht, dann kann man das alles schaffen.“

Text: Leona Remler, Bild: Michael Schrodt

Das Familientheater

ist für Groß und Klein. „Die Bremer Stadtmusikanten“ werden für Kinder ab sechs Jahren empfohlen, nach oben hin besteht keine Altersgrenze. Am 24.11. ist die Uraufführung. Die jüngeren Theaterfans können sich bei „Rudi Rakete“ austoben, denn schon ab drei Jahren können sie dem Geschehen folgen, das am 01.12. Premiere feiert.

Bremer Stadtmusikanten 24.11.-29.12. | Stadttheater, Konzilstraße 11, D-78462 Konstanz

Rudi Rakete 01.12.-29.12. | Werkstatt, Inselgasse 2-6, D-78462 Konstanz

Theater Konstanz | +49 (0)7531 900 150 | www.theaterkonstanz.de