D – Ravensburg | 01.07.-15.10. | „We love Animals“ heißt die neue Ausstellung, in der das Kunstmuseum Ravensburg „400 Jahre Tier und Mensch in der Kunst“ beleuchtet. Zu sehen sind rund 100 Werke aus öffentlichen und privaten Sammlungen aus dem In- und Ausland. Nicole Fritz, Direktorin des Kunstmuseums, berichtet im Interview, wie die Tierbilder das Verhältnis von Mensch und Tier widerspiegeln.

Nicole Fritz

akzent: Was ist das Charakteristische der Sammlung Selinka, die das Kunstmuseum Ravensburg beherbergt?

Nicole Fritz: Die Sammlung Peter und Gudrun Selinka verfolgt den roten Faden der expressiven Kunst vom Expressionismus über die Künstlergruppen CoBrA und Spur der Nachkriegszeit. Diese Strömungen zeichneten sich dadurch aus, dass sie das Gefühl und die Intuition in den Mittelpunkt stellten. Ausgehend von diesem Grundstock haben wir deshalb das Kunstmuseum als Spielraum der Gefühlsbildung aufgebaut. Bei uns gibt es für jedes Alter immer wieder auch viele Angebote, nicht nur über Kunst zu reflektieren, sondern diese ganz praktisch auch zu produzieren.

Gwen van den Eijnde Lipizzano, 2016

akzent: Warum halten Sie das Verhältnis von Tier und Mensch für so wichtig, dass Sie ihm eine eigene Ausstellung widmen?

Nicole Fritz: Die Mensch-Tier-Beziehung ist nicht nur unserer Sammlung geradezu genetisch eingeschrieben, sondern hat heute auch eine ganz neue philosophische, ökologische und auch ökonomische Relevanz. Zum einen haben wir uns den Tieren partnerschaftlich angenähert, zum anderen produzieren wir sie in Massen und beuten sie aus. In diesem enormen Spannungsverhältnis zwischen Einfühlung und Objektivierung gegenüber den Tieren lebt heute jeder von uns und es stellt sich auch für jeden persönlich die Frage nach einem zeitgemäßen Umgang mit dem Tier.

Asger Jorn Eine Cobra-Gruppe, 1964 Peter und Gudrun Selinka-Stiftung, Ravensburg Foto: Thomas Weiss, Ravensburg VG Bild-Kunst, Bonn 2017

akzent: Wie kam es denn zu der Idee für diese Ausstellung?

Nicole Fritz: Für mich ist Bildende Kunst nicht nur Ausdruck individueller Gefühle, sondern auch kollektiver Befindlichkeiten. Es ist äußerst überraschend und aufregend zu sehen, wie sich unsere emotionale Evolution und die wachsende Empathie zur Natur und insbesondere zum Tier anhand der kulturell geformten Tierbilder ablesen lässt. Die Ausstellungsidee entwickelte sich bereits während meiner Zeit in Wien, damals ist mir aufgefallen, dass die Tiere als Gefährten vermehrt, fast seriell, auf den Gemälden des Wiener Biedermeier auftauchen. Als ich dann im Depot des Kunstmuseums Ravensburg vor unserem Werk „Eine Cobra Gruppe“ stand, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. In diesem Werk aus unserer Sammlung kulminiert die Annäherung des Menschen an das Tier auch motivisch. Die Künstler stellen sich als Tiere dar; sie fordern uns letztlich auf, sich dem Tier im Menschen zu stellen, d.h. die unbewussten instinktiven Tiefendimensionen des Ichs bewusst zu machen und damit zu einer zukünftigen humaneren Gesellschaft beizutragen.

Birgit Jürgenssen Ohne Titel, 1977-1978 Estate Birgit Jürgenssen Bildrecht Wien VG Bild-Kunst, Bonn 2017

akzent: Den Auftakt der umfassenden Schau macht das „Rhinozeros“ von Albrecht Dürer. Dazu gibt es eine interessante Geschichte …

Nicole Fritz: Dieses Bild kam 1515 als Geschenk für den portugiesischen König im Hafen von Lissabon aus Indien an. Der Künstler selbst hat das Tier nie zu Gesicht bekommen, sondern aufgrund eines Augenzeugenberichtes seinen berühmten Holzschnitt angefertigt. Aus naturwissenschaftlichem Interesse an der Tierwelt entstanden in der Neuzeit zahllose Stiche von wilden und exotischen Tieren wie Bären, Elefanten und Löwen, die deren kurzes Leben für die Nachwelt so naturgetreu wie möglich festhalten sollten.

Max Slevogt Nini mit der Katze, 1897 GDKE – Direktion Landesmuseum Mainz

akzent: Was hat das Verhältnis von Tier, Mensch und Kunst danach – also im 19. und 20. Jahrhundert – geprägt?

Nicole Fritz: Im 19. Jahrhundert wandelte sich mit der Domestizierung des Tieres auch dessen gesellschaftliche Stellung, das Nutztier wurde zum Haustier. Tiere wurden Teil der bürgerlichen Lebenskultur. Hunde, Hasen und Katzen wurden zur Gefühlskultivierung als Erziehungsgehilfen für pädagogische Zwecke eingesetzt. Demzufolge sind sie nicht mehr Staffage, sondern finden sich als Spielpartner auf den Kinderporträts wieder. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts vergrößerte sich die Kluft zwischen Mensch und Tier durch die zunehmende Verstädterung. Während die Pferde zunehmend aus unserem Alltag verschwanden, wurden sie in der Kunst als Träger von vitalen Naturkräften idealisiert. Expressionisten wie Franz Marc und Renée Sintenis versenkten sich in das Seelenleben der Tiere und schufen Tierbilder und Plastiken, die das Wesen des Tieres und die zunehmende Gefühlssymbiose von Mensch und Tier veranschaulichen.

Performances for Pets Performance im Kunstmuseum Ravensburg, 11.02.2017 Wynrich Zlomke

akzent: Heutzutage sind Tiere nicht nur Motive der Kunst, sondern es gab sogar Performances für Tiere im Kunstmuseum Ravensburg. Wie kann man sich das vorstellen?

Nicole Fritz: Mit der beschleunigten Ausrottung der Arten und neuen Erkenntnissen der Tierforschung, die belegen, dass Tiere denken und Gefühle haben, ist unsere anthropozentrische Sichtweise der Tiere heute infrage gestellt. Unter dem Stichwort „animal turn“ etablieren die Wissenschaften einen Tier-Mensch-Dialog auf Augenhöhe. Stellvertretend für diese neue Hinwendung zum Tier in der Kunst stehen beispielsweise Krõõt Juurak und Alex Bailey. Unter dem Label „Performances for Pets“ hat das Künstlerpaar Aufführungen speziell für Haustiere entwickelt. In ihren Performances, die sie im Rahmen unserer Ausstellung erstmals im Museum durchführten, wenden sich die beiden durch Mimik, Geräusche und Bewegung speziell an die Tiere und setzen diese damit als Akteure ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Es war spürbar, dass sich die Grenze zwischen Mensch und Tier nicht eindeutig ziehen lässt. Die Performances mit regionalen Hunden wurden gefilmt und diese werden im Rahmen von „We love Animals“ im Foyer präsentiert.

Deborah Sengl „Killed to be dressed“

Wölfe am Veitsburghang

Der international renommierte Konzeptkünstler Ottmar Hörl entwickelte speziell für „We love Animals“ eine temporäre Skulptureninstallation. In dem Großprojekt werden 100 Wölfe am Veitsburghang in Ravensburg installiert. Die raumgreifende Setzung im öffentlichen Raum verkörpert metaphorisch die gesellschaftlich viel diskutierte aktuelle Annäherung von Mensch und Wolf und übersetzt diese in ein eindrucksvolles Bild

 

01.07.-15.10. | Kunstmuseum Ravensburg, Burgstraße 9, D-88212 Ravensburg | Di-So 11-18 Uhr, Do 11-19 Uhr | +49 (0)751 82 810 | www.kunstmuseum-ravensburg.de

Text: Susi Donner