CH – St. Gallen/Zürich | Seit mehr als elf Jahren trifft man Lara Stoll als Slam Poetin auf vielen Bühnen. Sie absolvierte ein Filmstudium an der Zürcher Hochschule der Künste, produziert verrückte Sendungen und Filme, ist Gründungsmitglied der Punkband „Pfffff“. Am 8. April kommt sie auf die St. Galler Lesebühne „Tatwort“.

akzent: Lara, du bist Musikerin, Filmemacherin, Schauspielerin, Autorin, hast ein Soloprogramm und mit deinen 30 Jahren schon sehr viel produziert. Welches sind dir deine wichtigsten Werke?

Lara Stoll: Ich schätze, das ist „Bild mit Ton“. Eine postmoderne Comedy-Sendung, die ich vor einigen Jahren gemeinsam mit Cyrill Oberholzer, Dominik Wolfinger und Pia Meier produziert habe. Unter dem Namen haben wir im vergangenen Jahr unseren ersten Spielfilm gedreht, der bald in den Startlöchern steht. Meine Slam-Poetry-Sachen mag ich irgendwie weniger, obwohl es dort seit Jahren mit Abstand am besten läuft. Ich investiere viel Zeit und Energie in Musikprojekte, da kann ich noch nicht abschätzen, wohin es führt. Aber wenn mich etwas triggert, muss ich mich einfach mit Haut und Haaren reinhängen. Ich mag es, bei null anzufangen, um zu sehen, wie weit ich damit komme. Aber: Ich bin wahnsinnig froh, mich künstlerisch in verschiedenen Bereichen austoben zu können, ich brauche einfach alles davon. Es kommt immer darauf an, welche Baustelle gerade am größten ist. Dort muss ich baggern.

akzent: Apropos baggern … Du stammst aus einem kleinen Dorf bei Schaffhausen – sehr ländlich – was hat dich dort inspiriert?

Lara Stoll: Ich bin recht einsam aufgewachsen. Mit meinem Bruder stand ich jahrelang auf Kriegsfuß, andere gleichaltrige Kinder gab es nicht. Dadurch habe ich mich oft mit mir selber beschäftigen müssen, oder das Radio und der Fernseher haben das getan. So nahe an der Grenze hat mir das immerhin ein fast perfektes Hochdeutsch und antrainierte produktive Selbstunterhaltung beschert.

akzent: Wann hast du dein Talent, dein feines Gespür für den kunstvollen Umgang mit Sprache entdeckt?

Lara Stoll: Sprache … Talent … ich weiß gar nicht, ob das stimmt. Ich habe blöde Ideen, die manchmal gut sind. Als Kind habe ich eigenartige Geschichten geschrieben. Während der Schulzeit gar nicht mehr. Ich werde nicht gerne zu etwas gezwungen, daher war alles, was mit Schule zu tun hatte, nicht so mein Ding. Paradoxerweise war ich trotzdem ein Streber. Ein hasserfüllter Streber. Als Teenie hab ich bei Theaterproduktionen mitgespielt, dort habe ich Gabriel Vetter kennengelernt, der später den deutschsprachigen Meistertitel im Poetry Slam gewann und selber einen solchen in Schaffhausen veranstaltete. Dort fand ich meine Bühne, mein neues Hobby und schließlich meinen Beruf. Ich hab nicht lange gefackelt. Wenn ich mir was in den Kopf setze, dann wird das gemacht. Ich habe damals beim 2. Poetry Slam mitgemacht, ohne wirklich zu wissen, was ich da genau tue. Daher war ich anfangs wohl ziemlich schlecht.

akzent: Die meisten Sachen von dir sind herrlich durchgeknallt. Was willst du mit deinen Texten und Filmen erreichen?

Lara Stoll: Ich glaube, das Ganze ist sehr viel egoistischer, als es scheint. Es geht mir mehrheitlich um mein eigenes Seelenwohl. Ich werde unglücklich, wenn ich keinen Output habe. Ich weiß nicht, wie viel ein Psychiater in Deutschland kostet, aber hier in der Schweiz ist das je nach Krankenkassenmodell nicht ganz günstig … Natürlich möchte ich auch Erfolg haben, bin ja auch darauf angewiesen, damit ich mich als Künstler finanzieren kann. Ich lebe von Auftritten als Slam Poetin, damit kann ich meine anderen Projekte finanzieren, und habe während der Woche viel Zeit für Videos oder die Musik.

akzent: Die Sprache ist in deiner Hand wie ein geschliffenes Messer – wie würdest du dich selbst beschreiben?

Lara Stoll: Finde ich schwierig. Weil ich irgendwie von allem etwas bin. Und ich bin auch das Gegenteil von allem. Ja, ich bin sehr produktiv, aber gleichzeitig bin ich auch unheimlich faul, also körperlich faul. Ich nehme überallhin den Bus und fahre nur Rad, weil ich es hasse, Zeit bei so was wie „gehen“ zu verlieren. Dann bin ich super organisiert – weil ich das sein muss bei all dem Kram – aber auch total chaotisch im Kleinen. Meinen Briefkasten leere ich nur alle zwei Monate. Ich glaube, ich habe bald eine Anzeige wegen zu vielen Schwarzfahrens von der SBB (ich vergesse einfach ein Ticket zu lösen – immer wieder) und du solltest mal mein Zimmer sehen … Ich bin Perfektionistin, aber eine Banausin, mache Kunst, aber gehe nie ins Theater oder ins Museum … ich bin ein Widerspruch in sich.

akzent: Welche Sätze sollten Kritiker über dich schreiben?

Lara Stoll: Lara Stoll sollte unbedingt mehr Fördergelder bekommen.

akzent: Was treibt dich privat um?

Lara Stoll: Ich verbringe gerne Zeit in der Badewanne oder in Zürich – eine tolle Stadt! – in irgendwelchen Bars oder Clubs.

akzent: Was kannst du jungen Menschen raten, die einen Weg auf die Bühne suchen?

Lara Stoll: Wenn man das Gefühl hat, etwas machen zu müssen, dann sollte man einfach damit anfangen. Wenn man sich Mühe gibt, kommt meistens gar nicht so viel Schlechtes dabei raus. Ich glaube ohnehin, dass Talent oft nur mit Interesse zu tun hat. Man schafft sich das Talent (und das Glück) also selber.

08.04., 20 Uhr | Restaurant Süd Bar, Oberer Graben 3, CH-9000 St. Gallen | www.larastoll.ch