Lieber die Welle(n) am See reiten

Wo will man sein, wenn nicht hier, in dieser Region, in diesen Zeiten der Krise? Wenn alles wieder mal lieber zuhause bleibt, statt in weiter Ferne Urlaub zu machen, ist es für alle hier immer noch ganz wunderbar. Rückbesinnung ist auch Rückenwind. Und egal, ob erste oder zweite oder Pleitewelle: Hier ist es so oder so am Schönsten! Die Region ist gesund, es mangelt uns an nichts. Verhungern wird hier niemand, verdursten sowieso nicht. In allen vergangenen Weltkrisen hat man überdies von nahen Grenzen eher profitiert. Wo also besser „diese Welle“ abreiten als hier?

Sicher: Auch wir werden uns noch ganz schön „umschauen“, in den Landschaften rund um unseren großen Teich. Jetzt „müssen“ wir, es geht nicht mehr um „wollen“ – und schon gar nicht mehr um „vielleicht irgendwann mal“, denn Corona beschleunigt Entwicklungen, in jeder Hinsicht. Doch was bleibt – unbestritten! – ist das einmalige Setting dieser Region: die herrliche Landschaft, die schönen Städte, das internationale Gesamtkunstwerk, das jahrhundertealte Nachbarschaftsgefüge, die moderne Internationalität und die lokalverwurzelte Traditionalität. Ja, auch die als Behäbigkeit gerne missverstandene Wertbeständigkeit und die gleichzeitige, extreme Wandlungsfähigkeit der Eingeborenen bleibt. Wer einmal für ein paar Jahre weg war und wiedergekommen ist, weiß um diesen Umstand – Liebgewonnenes wiederentdecken und Neues erstaunt zur Kenntnis nehmend. Alles bleibt anders, well, well …

Ein Kommentar von Markus Hotz

Weniger ist das neue Mehr

Künstler, die ohnehin schon am Existenzminimum in meist sogar öffentlich-rechtlich geduldetem Prekariat aus sich herausschaffen, sind derzeit als Spezies sicher am meisten gefährdet. Auftritts- und damit Einnahmemöglichkeiten fehlen auf breiter Front. Rund um den See beherrschen bis heute im Wochenrhythmus geäußerte neue Vertröstungen das kulturelle Landschaftsbild. „Großveranstaltungen“ etwa werden „frühestens im November“ wieder zugelassen. Bloß: Was Großveranstaltungen sind, bleibt unklar. Die Festival- und Open-Air-Szene ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz in diesem Jahr schlicht am Ende, bevor sie überhaupt richtig anfangen konnte. Im Sog der Ungewissheit wirbelt eine Dienstleistungsinfrastruktur hinterher: Wo es auf der Bühne nichts gibt, gibt es dahinter umso weniger. Wo keine Stars strahlen können, braucht es keine Beleuchter. Wo kein Festival, da keine Bühne. Wenn kein Theater, dann auch keine Bühnenbildner. Einfach nichts und damit auch niemand. Ersatzlos gestrichen. Teils komplett vertröstet auf 2021.

Veranstalter erleben zumindest ein wenig gelebte Solidarität, wenn ihre Besucher zum guten Teil Eintrittsgelder einfach „stehen lassen“ für das verschobene Event im nächsten Jahr. Als Einsatz einer optimistisch-aufmunternden Wette auf eine sicher bessere Zukunft. Oder als Spende. Doch das reicht nicht. Vor allem nicht bis in die Tiefen des veranstaltungstechnischen und künstlerischen Beziehungsgeflechts. Die spärlichen Gelder versickern in der ausgetrockneten Kulturlandschaft bereits an der Oberfläche. Staatliche Hilfen in allen drei Ländern retten dabei höchstens vor dem Verdursten. Wachsen und gedeihen kann dabei nichts, was nicht Ödnis verträgt. Wer dieses darwinistische Szenario überlebt, wird sich dafür nächstes Jahr in einem konsolidierten Markt wiederfinden. Und in einem sicher wertschätzenderen, zumindest vonseiten des Publikums. Allerdings im Umkehrschluss auch von einer durch drohende kommende Verteilungskämpfe in öffentlichen Haushalten nach unten priorisierten Bittstellerposition. Die Kunst geht bekanntlich nach dem Brote – Betonung auf „nach“.

Graf-Zeppelin-Haus Friedrichshafen

Das große gesamtgesellschaftliche Gedankenexperiment, das sich manch frustrierter Kunstschaffender situationsbedingt sicher mal wutschnaubend ausgemalt haben mag, ist schlagartig Realität: „Sollen sie doch alle mal sehen, was passiert, wenn wir plötzlich nicht mehr da sind!“ Wir sehen es! Rund um den See waren die roten Leuchtfeuer der „Night of Light“-Aktion jüngst Mahnmal für den Kampf der Veranstalterszene. Und gleichzeitig Hoffnungszeichen. Viele, jedenfalls im Vergleich zu anderen Regionen. Bislang hat man rundherum mehr an Kultur getragen als andernorts: Im internationalen Vergleich winzige Städtchen haben eine unfassbare Flut an Kultur und Events losgetreten. Jedes Jahr mehr. Das heißt allerdings auch: Selbst, wenn es von dem Vielen in Zukunft weniger geben kann, wird es hier insgesamt dann immer noch mehr sein als anderswo. Und wenn weniger ein Mehr sein soll, dann braucht es mehr Qualität, mehr Verständnis und mehr Unterstützung. Gilt übrigens nicht nur für die Kultur, für die aber besonders …

Auf die Zukunft bauen

Die Krise erzeugt Nachdenken über paradoxe Situationen: Hat man sich vor Kurzem noch über die vielen Baustellen geärgert, über das teils langsame Fort- und Ankommen, freut man sich heute umso mehr, dass es wenigstens einer Branche insgesamt gut geht. Wer baut, baut immer auf die Zukunft.

Und wie: Im schweizerisch-österreichischen Grenzgebiet wird mit einer beidseitig getragenen Milliardeninvestition (nein, ich habe mich nicht verzählt!) mal wieder als Mammutaufgabe der ganze Rhein umgegraben. Sowas ist eine Generationen-Investition. Und egal, ob auf deutscher Seite jahrzehntelange Straßenbauprojekte langsam, gaaanz laaangsam, ihrer teils vor fast hundert Jahren geplanten Vollendung entgegensehen, oder die ebenso jahrzehnteverschleppte Elektrifizierung der Schienen am See endlich angegangen wird: Die Investitionen sind eben – Achtung, zweideutig! – in der Tat langfristig angelegt. Doch während Berlin noch immer auf die Vollendung eines Flughafens wartet, beruhigt auch hier ein Blick in die Region ungemein: Immerhin drei Flughäfen existieren hier schon seit Jahrzehnten. 

Selbstverständlichkeiten dürfen gerne ab und an wieder ins Bewusstsein gerückt werden – nur schade, dass es dazu immer gleich solcher Krisen bedarf.

Rundherum erfinden sich zudem ganze Städte neu: Bregenz baut eine komplette neue „Stadt am See“, genau daneben gräbt Lindau mal eben die halbe Insel um. Konstanz hat das fast schon hinter sich, trotzdem stehen die Baukräne rechtsrheinisch immer noch dicht an dicht. Auch in Singen wird seit Jahren drauflosgebaut. Und selbst wenn manches Städtchen wie Radolfzell, das gerade aus dem „feuchten Traum“ des Seeanschlusses aufgeschreckt wurde, nicht jedes Jahrhundertprojekt im großen Stil umzusetzen in der Lage sind (und zunehmend in der Lage sein werden): Hier in der internationalen Bodenseeregion wird insgesamt immer noch mehr gebaut werden als anderswo. Auch in Zukunft!

Alles bleibt anders – aber das meiste bleibt 

Gastronomie und Handel dies- und jenseits der Grenzen hat es hart getroffen. Mögen auf Schweizer Seite kurzfristig die geschlossenen Grenzen ein wenig krisenmildernd gewirkt haben, langfristig müssen sich gerade die Händler rundherum einer schwächeren Wirtschaftskraft und damit einhergehend einer höheren Preis-Sensibilität stellen. Doch wirklich „billig“ kann die Region insgesamt sowieso gar nicht. Hat sie nie gelernt, musste sie auch nie. Und muss sie auch in Zukunft nicht. Der Bodensee kann nur preisWERT!

Das Package ist vielschichtig und komplex aufgebaut, zumal in das Erlebnis-Gesamtpaket über Jahrzehnte investiert wurde: Die Gemeinden haben geklotzt, die Länder ordentlich unterstützt, jeder Gewerbeimmobilienbesitzer hat investiert, und auch die privaten Häuslebauer waren nicht kleinlich. Industrie und Unternehmen, Freizeitindustrie, Hoteliers, Gastronomen und Händler haben dabei überdurchschnittlich viel in „Aufenthaltsqualität“ investiert. Nebenbei ist die Bodenseeregion eine der am dichtesten besiedelten Regionen Europas – merkt man so erstmal gar nicht, denn dieser Fakt wird kaschiert von einer – eben! – gepflegten Umgebung. Und nun zahlen sich auch in der Krise diese vielen Investitionen aus.

Beispiel Tourismus: Wenn alle in diesem Jahr zuhause bleiben, dann fehlen sie zwar den Reisebüros und Airlines sowie Urlaubsländern als Kunden – aber sie sind hier, als einheimische Kunden, die normalerweise vor Ort gefehlt haben. Wenn alle lieber im Inland Urlaub machen, dann ist der Bodensee auch als Reiseziel beliebter als sonst – sogar die Ostschweiz, das touristisch am schwierigsten zu positionierende Ufer des Sees, verzeichnet Zuwächse.

Natürlich wird auch das den fehlenden Umsatz nicht auf breiter Front wettmachen können. Doch auch hier gilt: Lieber die Welle(n) am See reiten als anderswo! Und wenn wir schon gerne hierbleiben, dann müsste man doch anderen, die gerne mal zu Besuch hier erscheinen oder über die Grenzen hin- und herwechseln, einfach ein bisschen mehr Verständnis und Dankbarkeit entgegenbringen. Wir alle haben gelernt, dass leere Städte nicht lebenswert sind. Und der Nachteil der Kultur – keine Events – ist gleichzeitig der Vorteil für die Gastronomie: Über Monate keine allabendliche Konkurrenz durch Festivals, Konzerte, Theater usw. Wer nicht zuhause an der Glotze sitzen will – und wer will das schon nach diesen Wochen? – geht (r)aus. „Homedrinking is killing pub culture“: Auch das haben viele Gäste in der Krise neu verstanden.

Nicht zuletzt haben Regierungen, Landes- und Stadtparlamente rundherum vorbildlich reagiert: In Nuancen unterschiedlich und in der notgedrungenen Eile wurde sicher mal das ein oder andere nicht optimal entschieden, aber im Großen und Ganzen haben die politischen Entscheider bislang einen guten Job gemacht. 

So ist rundherum am internationalen See zu beobachten, dass man unter dem gemeinsamen D-A-CH. besser geschützt ist als anderswo. Und das gilt insgesamt.

 Well(e) – let’s go!

Beitragsbild: @ shutterstock / Katerina Kirilova
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