CH – Warth | bis 12.08. | Vor der Kartause Ittingen erhebt sich der 15 Meter hohe Doppellooping „LOOP“ des Künstlerduos Bildstein | Glatz. Nun kommt eine begleitende Ausstellung im Kunstmuseum Thurgau dazu: Malerei, Skulpturen, Installationen, Videos und grafische Arbeiten überführen Elemente aus Sport und Populärkultur in die Kunst.

Vor einem Jahr bauten Philippe Glatz (Kreuzlingen) und Matthias Bildstein (Wien) die beeindruckende Installation „LOOP“ auf der Wiese vor dem Kloster. Mit der neuen Ausstellung kann die Entstehungsgeschichte des außergewöhnlichen Kunstwerks unter freiem Himmel in den Innenräumen des Kunstmuseums Thurgau nacherlebt und im Kontext des bisherigen Schaffens in seinem Facettenreichtum wahrgenommen werden.

„LOOP“ verbindet die mönchische Vergangenheit der Kartause Ittingen mit aktuellen Fragen nach Selbstreflexion, Leistungsgesellschaft und der Rolle von Kunst, wie sie seit Jahren von Bildstein | Glatz gestellt werden. In ihrem gemeinsamen Schaffen überführen sie Elemente aus Sport und Populärkultur in die Kunst. Nicht nur Farben und grafische Versatzstücke, sondern Archetypen der Freizeitindustrie wie Loopings oder Rampen werden als Formenvokabular aus dem Sport entlehnt und in große Installationen überführt. Doch die Ausstellung wird auch den kleinformatigeren Arbeiten auf Papier und Leinwand mehr Gewicht und Raum geben. Kunstgeschichte(n) des vergangenen Jahrhunderts und der Mythos vom Künstlergenie werden aufs Korn genommen und weitergesponnen.

So gehören Grenzüberschreitungen zwischen Freizeitpark und Museum, Benutzbarkeit und Unantastbarkeit, zwischen High und Low, Kritik und Ironie zum künstlerischen Konzept von Bildstein | Glatz. Auch die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion wird infrage gestellt, zum Beispiel angesichts der narrativen Berichterstattung über den Stuntman Brutus. Wem oder was kann man noch Glauben schenken – der Kunst selbst? Dem Irrwitz der künstlerischen Fantasie, die scheinbar unmögliche Konstruktionen wie den LOOP Wirklichkeit werden lässt?

Das Werk von Bildstein | Glatz thematisiert immer wieder sowohl künstlerische als auch metaphysische Vorstellungen von Unsterblichkeit, Schwerelosigkeit und Transzendenz. Wenn ein Raketenauto im Ausstellungsraum von der Überwindung der Schwerkraft erzählt, wenn scheinbar benutzbare Rampen zum Abheben bereitstehen und an der Wand skizzierte Helmen präsentiert werden, so führen solche Arbeiten von Bildstein | Glatz in einen Bereich, der die Sinne unmittelbar verführt und zugleich die Reflexion über Kunst und ihre Mechanismen vorantreibt. Oder wie die Künstler es selbstironisch formulieren: „Neben den Religionen ist die Kunst heute der einzige Ort, an dem Unsterblichkeit erlangt werden kann. Das bedeutet für Skeptiker eine begrenzte Auswahl an Möglichkeiten. Also gehen wir aufs Ganze.“

Am Abend des 9. Juni sind Bildstein ǀ Glatz anlässlich der Veranstaltung „Klang und Kunst im Kreuzgarten. Blütenzauber der Bodenseegärten“ im Kunstmuseum Thurgau vor Ort, um mit den Besuchern und der Kuratorin Stefanie Hoch ihre Ausstellung genauer unter die Lupe zu nehmen. Bis zum 27. Oktober ist das Künstlerduo zu Gast in der Remise im Haus zum Komitee, Weinfelden. Details zum Programm des Sommerateliers unter dem Titel „Supergelb“ findet man unter www.sommeratelier.ch.

Rede & Antwort

Der Kuratorin Stefanie Hoch standen Bildstein ǀ Glatz Rede und Antwort. Das ganze Interview findet sich in der Publikation Bildstein | Glatz, Nr.1, die zur Ausstellung im Verlag für moderne Kunst in Wien erscheint.

Frage: Wie kam es zur Form der Skulptur vor dem ehemaligen Kloster Kartause Ittingen?

B | G: Von einer liegenden Acht über eine Rampe in Richtung Himmel gelangten wir schließlich zu einem Doppellooping. Ziel war es, ein selbstreferenzielles Objekt zu entwickeln, das die metaphysischen Fragen, die seit Jahrhunderten diesen Ort prägen, in sich aufnimmt und in unsere Zeit überträgt. Mit einer Endlosschleife wollten wir eine Art materielle Manifestation der Vorstellung von Unendlichkeit erzeugen.

Frage: Das Leben der Kartäuser war ja durch zahlreiche Rituale und repetitive Abläufe gegliedert, um letztlich auf das Jenseits hinzuführen. „LOOP“, die Form der gestauchten Acht, die nun andeutungsweise über der Wiese schwebt, zeugt von diesem historischen Hintergrund, aber auch die farbige Fassung spielt auf diesen Ort an?

B | G: Die örtlichen Bedingungen boten uns wohl wichtige Anknüpfungspunkte, aber die Installation sollte auch ohne dieses Vorwissen lesbar sein und wäre für uns durchaus auch an einem anderen Ort denkbar. Nichtsdestotrotz beeinflusste die Kartause Ittingen sogar die Farbgebung. Wir waren von der kleinen, reich geschmückten Rokokokirche im Inneren des Klosters und ihrer farblichen Gestaltung ziemlich beeindruckt. Anscheinend so sehr, dass wir uns bei der Frage nach der Farbe der typografischen Zeichen auf der Oberfläche von „LOOP“ für das zarte Rosa aus der Kirche entschieden.

Frage: Die malerischen Elemente auf der Fahrbahn der Großplastik spielen eine zentrale Rolle. Wie gehören Form und Text in diesem Werk zusammen und was entsteht durch dieses Zusammenspiel?

B | G: Unser Gedanke war, eine klare Trennung zu erzielen zwischen der Oberfläche und der vermeintlich rein funktionalen Rückseite und Unterkonstruktion. Durch die Lackierung mit Bitumen versuchten wir einen anästhetischen Zustand wie etwa bei dem Unterboden eines Autos oder der Decke eines Warenhauses zu erreichen. Dies ist bei einem Looping natürlich ein paradoxer Gedanke. Die „Fahrbahn“ sollte eine klare grafische Gestaltung bekommen, wie man sie aus der Werbung oder dem Sportkontext kennt. Wir entschieden uns für eine typografische Lösung und fanden in der Wiederholung, wie in Gertrude Steins Rose, eine passende sprachliche Metapher. Um dieser Verdoppelung und Überhöhung noch eins draufzugeben, setzten wir die Lettern des Endlosspruchbandes in zartem Rosa auf ein Bild der unendlichen Weiten des Weltalls.

„Bildstein | Glatz: Nr. 1“
bis 12.08.
Kunstmuseum Thurgau
Kartause Ittingen
CH-8532 Warth
www.kunstmuseum.tg.ch
www.kartause.ch