Die Coronakrise trifft den Tourismus besonders hart. Die Pfingstferien werden – wie schon die Osterferien – dem Virus und seinen Begleitumständen zum Opfer fallen. Der Blick der Menschen richtet sich jetzt auf den Sommerurlaub. Wird er möglich sein? Und wenn ja, wo? Sicher ist: Das Virus wird die Reiseströme, vermutlich nicht nur kurzfristig, umlenken. Ferien am Mittelmeer sind zwar wieder denkbar aber sicher? In allen europäischen Urlaubsländern wird es im Sommer starke Einschränkungen geben, auf die Reisende sich einstellen müssen – an Stränden, in Restaurants und Innenstädten. Warum dann in die Ferne schweifen, denn das Gute liegt so nah. Die Lösung: Ferien im eigenen Land. Säntis statt Machu Picchu, Strandbad statt Riviera. Eine Chance für den gebeutelten Bodensee-Tourismus?

Der Deutsche Bundesaußenminister Maas sprach sich am 18. Mai nach Absprache mit seinen Kollegen aus den zehn wichtigsten Reise-Zielländern in der EU vorsichtig für einen „kontrollierten Wiedereinstieg in den europäischen Tourismus“ im Sommer aus und kündigte an, dass ab Mitte Juni vermutlich die derzeit geltenden Reisewarnungen durch Reisehinweise für einzelne Länder ersetzt werden. Zeitgleich betonte er aber auch, dass bei der Wiederaufnahme des Tourismus stets gesundheitliche Fragen im Vordergrund stehen. Die Vorteile eines Urlaubs in Deutschland werden entsprechend weiterhin herausgestellt. Auch Österreichs Kanzler Kurz wirbt für Reisen im eigenen Land, sieht aber auch, dass die österreichische Tourismuswirtschaft stark von deutschen Sommerurlaubern abhängig ist. Wenig anders in der Schweiz, wo auch Mitte Mai noch vor nicht notwendigen, touristischen Reisen ins Ausland gewarnt wird und die Schweizer Tourismusbranche um einheimische Urlauber wirbt. So spricht viel dafür, den Urlaub in der Vierländerregion am Bodensee zu verbringen. Jeder im eigenen Land oder zu Gast bei den Nachbarn, zumal Tagesausflüge oder Kurztrips in die nahe Grenzregion ab dem 15. Juni möglich sein werden.

Mit Blick auf die Pfingstferien ist die Situation noch kompliziert, insbesondere im Hinblick auf die unterschiedlichen Corona-Regeln in den Anrainerstaaten. Auch nach den Lockerungen an den Grenze vom 16. Mai, ist der Grenzübertritt nur bestimmten Personengruppen und nicht aus touristischen Zwecken erlaubt.

Aber in allen Ländern am See nähert man sich schrittweise der Normalität an, die als Voraussetzung für den Urlaub wichtig ist. Die Gastronomen in Deutschland dürfen ab dem 18. Mai wieder öffnen, bis Ende Mai sollen dann in Ba-Wü und Bayern auch die Hotels, Ferienwohnungen und Campingplätze folgen und weitere touristische Angebote möglich sein, wie die Öffnung von Schlössern und Freizeitparks. Lediglich Angebote der gemeinschaftlichen Nutzung wie Wellness und Schwimmbäder wird es vorerst nicht geben. Spaß- und Freizeitbäder öffnen ab 31. Mai nur für Schwimmkurse. Aber mit dem See vor der Tür lässt sich diese Einschränkung verschmerzen.

Früher ging es mit Restaurantbesuchen in der Schweiz bereits ab dem 11. und in Österreich ab dem 15. Mai los. In Österreich folgt dann am 29. Mai die Öffnung von Übernachtungsbetrieben. In der Schweiz beherbergen die Hotels schon jetzt wieder Touristen, sogar Wellnessanlagen und Schwimmbäder sind seit 27. April für die Gäste zugängig. Aber es gilt die Empfehlung des Bundesrates, inländisch auf nicht zwingende Reisen zu verzichten.

Blickten viele Hoteliers zuletzt noch neidvoll auf die Schweiz, wo beispielsweise die Kartause Ittingen im Thurgau Gästen unter Einhaltung der Corona-Regeln das komplette touristische Programm bietet, haben auch touristische Unternehmen am deutschen Bodenseeufer und in Vorarlberg jetzt eine erste Perspektive. Warum auch nicht? Für Familien, die in den vergangenen Wochen in Stadtwohnungen eingesperrt waren, wäre es sicher eine Wohltat, in einem Ferienhaus im Grünen mal wieder durchatmen zu können.

Offene Grenzen?

Dass sich die Grenzen ab dem 15. Juni wieder öffnen, ist für die Vier-Länder-Region Bodensee enorm wichtig. Werner Fritschi, erster Vorstand beim Verband der Tourismuswirtschaft Bodensee e.V., sieht aktuell die geschlossenen Grenzen als „sehr großes touristisches Problem am See“, denn der mögliche „Sprung über die Grenze“ sei ein wesentlicher Anreiz für einen Urlaub am Bodensee, ob auf Vorarlberger, Schweizer oder auf deutscher Seite. Uneingeschränkt offene Grenzen seien daher eine gemeinsame Forderung der Anrainerstaaten an die Politik. Markus Böhm vom Internationalen Bodensee Tourismus sieht das genauso: „Unsere Region lebt insbesondere auch von der ‚Grenzüberwindung‘ bzw. von den Ländern, die den See umgeben. Dies macht uns einzigartig und für den Besucher sehr reizvoll.“ Neben der Öffnung der Grenzen sind natürlich noch weitere Lockerungen notwendig, etwa bei touristischen Leistungsträgern wie der Schifffahrt auf dem internationalen See, die ab 20. Mai möglich sein wird und den Bergbahnen.

Einheimische Touristen

Wenn all diese Voraussetzungen gegeben sein sollten (unter Einhaltung der erforderlichen Corona-Regeln und vorausgesetzt, dass uns keine zweite Corona-Welle erfasst), käme dann der sommerliche Run auf den Bodensee? Markus Böhm: „Sicherlich wird der regionale Tourismus vor dem internationalen starten. Sämtliche inländische Destinationen werden folglich die Bevölkerung des eigenen Landes verstärkt ansprechen. Wir gehen zudem davon aus, dass insbesondere der Einheimische eine tragende Rolle einnehmen wird. Einheimische werden die ersten Gäste und wichtige Multiplikatoren für eine Region sein.“ Allerdings kann man davon ausgehen, dass viele ältere Urlauber wegfallen, die aus Sicherheitsgründen lieber zu Hause bleiben. Bis zur Grenzöffnung wegfallen werden auch die ausländischen Urlauber – auf deutscher Seite sind das im Schnitt 11 Prozent, auf Schweizer Seite gar 25 Prozent. Werner Fritschi gibt außerdem zu bedenken, dass sich in Deutschland wegen Kurzarbeit in diesem Jahr viele Menschen keinen Urlaub leisten können und dass auch für eine Weile noch der reduzierte Seminar- und Businesstourismus für freie Kapazitäten sorgen wird.

Nationale Konkurrenz

Der Bodensee-Tourismus wird also voraussichtlich nicht an seine Belastungsgrenzen kommen. Eine große Herausforderung, so Werner Fritschi, werde es vielmehr sein, mit anderen nationalen Destinationen auf einem Konkurrenzmarkt zu bestehen. Also etwa: Thurgau – Wallis, Bodensee – Nordsee, Bregenz – Salzburg. Nebenbei bemerkt: Die Preise für Ferienwohnungen und –häuser an der Nordsee sind bereits jetzt stark gestiegen …

Fazit: Mehr als irgendwo sind die Bodensee-Anrainer aufeinander angewiesen. Die Attraktivität des Sees als Urlaubsdestination steht und fällt mit der Fähigkeit und Bereitschaft der Verantwortlichen zur Zusammenarbeit – das wird gerade in Corona-Zeiten überaus deutlich. Kleine nationale Alleingänge wie bei den Abstandsregelungen – Österreich 1 Meter, Deutschland 1,5 Meter, Schweiz 2 Meter – sind eher kurios als hinderlich.

Text: Claudia Antes-Barisch/ Stefanie Göttlich

Fotos: Marcel Strauß, Ivan Louis, Patrick Schiele

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