CH – Altstätten/Zürich | Marcel Gisler ist erfolgreicher Schweizer Filmemacher, Regisseur und Drehbuchautor. Sein neuestes Werk, „Mario“, feierte am 22. Februar Premiere in den Schweizer Kinos. Der Spielfilm ist in vier Kategorien für den Schweizer Filmpreis nominiert, der am 23. März in Zürich verliehen wird.

Zu „Mario“

Mario ist zum ersten Mal im Leben verliebt, so richtig verknallt. In Leon, den Neuen aus Deutschland. Der spielt zwar auch vorne im Sturm und könnte ihm sogar gefährlich werden, wenn es darum geht, wer in die Erste Mannschaft aufsteigen kann. Doch daran mag Mario jetzt nicht denken. Er will Leon spüren, riechen, in seiner Nähe sein. Das bleibt auch anderen im Klub nicht verborgen und schon bald machen erste Gerüchte die Runde. Mario sieht seine Karriere als Profi-Fußballer in Gefahr, will aber gleichzeitig Leon um keinen Preis verlieren. Er muss eine Entscheidung treffen.

Im Interview mit akzent erzählt Marcel Gisler von Homophobie auf dem Fußballplatz und von der besonderen Recherche zu „Mario“.

Sie sind in der Ostschweiz geboren, aber vor über 30 Jahren nach Berlin gegangen. Was hat Sie als junger Mensch so weit weg von Ihrer Heimat gezogen?

Gisler: Berlin hat mich Anfang der 1980er-Jahre in vielerlei Hinsicht angezogen. Trotz des Inseldaseins innerhalb der Mauer war Berlin eine weltoffene, kreative Stadt. Mit 20 wusste ich bereits, dass ich Filme machen wollte, was sich in der Ostschweizer Provinz, wo ich aufgewachsen bin, als schwierig gestaltete. Es fehlte an den notwendigen Komplizen und den ökonomischen Voraussetzungen, um als Autodidakt einfach so loszulegen. In Berlin hatte ich bald eine Gruppe von Freunden um mich geschart, die wie ich in der billigen Stadt von der Hand in den Mund lebten und sich dort künstlerisch verwirklichen wollten. Mit 25 hatten wir unseren ersten, zunächst auf Pump gedrehten Spielfilm realisiert, „Tagediebe“, der diese junge Berliner Boheme porträtiert und auf dem Filmfestival Locarno den silbernen Leoparden gewann. Nicht zuletzt war aber Berlin damals wie auch heute eine der schwulen Metropolen Europas, wo ich mein Coming Out unbeschwert leben konnte.

 

Obwohl Sie in Berlin leben, sind mindestens vier Ihrer erfolgreichsten Filme – „Fögi ist ein Sauhund“, „Rosie“, „Elektroboy“ und Ihr neuestes Werk „Mario“ – in der Schweiz angesiedelt … Berlin oder die Schweiz? Welches ist Ihre Herz-Heimat?

Gisler: Ich habe bis heute die Verbindung zur Schweiz nicht verloren und bin regelmäßig gependelt. Da war es nur logisch, dass ich nach meiner Berliner Trilogie („Tagediebe“, „Schlaflose Nächte“, „Die Blaue Stunde“) meinen ersten Schweizer Film drehte, als das Angebot einer Zürcher Produzentin kam. Die Schweiz und Berlin, beide sind meine Herz-Heimat.

In allen vier eben erwähnten Filmen ist das Thema Homosexualität präsent. Warum?

Gisler: Meine nicht schwulen Stoffe hatten bei den Förderungen weniger Glück als jene mit schwulen Themen. Man landet schnell in einer Schublade, aber es ist für mich okay, solange ich meine Projekte finanziert kriege.

Sie haben für jeden Ihrer Filme Preise erhalten und „Mario“ ist aktuell in vier Kategorien für den Schweizer Filmpreis nominiert. Wie groß ist die Freude?

Gisler: Ich freue mich natürlich über die Nominierungen, aber ich habe den Schweizer Filmpreis (Bester Film) schon zweimal gewonnen, für „F. est un salaud“ und für „Electroboy“. Vielleicht ist jetzt mal jemand andres dran. Hingegen würde ich mich sehr für die Darsteller freuen, für Max Hubacher (Nominierung für die beste männliche Hauptrolle) und für Jessy Moravec (Nominierung für die beste Nebenrolle).

In „Mario“ geht es um schwule Liebe im Profifußball – bis heute ein extrem emotionales Tabuthema. Wie kam es zu Ihnen?

Gisler: Der Drehbuchautor Thomas Hess ist mit der Idee 2010 auf mich zugekommen. Meine erste Reaktion war die Frage, ob es den Film denn nicht schon gibt? Aber tatsächlich hatte es bis dahin, und hat es auch bis heute, noch kein anderes Projekt mit dem Thema bis zur Finanzierung und zur Realisation geschafft. Es gibt viele Reportagen darüber oder eine Komödie mit einer gesamtschwulen Mannschaft von Sherry Hormann aus dem Jahr 2004. Aber das schwule Liebesdrama im Profifußball gibt’s bisher noch nicht, da sind wir mit „Mario“ die ersten.

Viele Länder haben die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt, Homophobie sollte eigentlich kein Thema mehr sein, und ist doch gerade im Profifußball omnipräsent. Wer oder was ist schuld an antiquierten Klischees?

Gisler: Vielleicht ist es, weil die Toleranz noch nicht überall in der Gesellschaft angekommen ist. Es gibt immer noch rückständige gesellschaftliche Zonen. Der Profifußball ist in der Selbstwahrnehmung und in der Selbstdarstellung in weiten Teilen nach wie vor eine Männerdomäne, ein Testosterongeschäft, geprägt von stereotypen Männlichkeitsbildern. Da scheint Homosexualität nicht dazu zu passen – ein unreflektiertes Vorurteil.

Und deshalb ist für schwule Kicker kein Platz auf dem Fußballfeld?

Gisler: Der Profifußball ist ein Riesengeschäft, ein globales Produkt, das auch in Länder verkauft wird, in denen die Gesellschaft Schwulen gegenüber weniger tolerant ist. Die nächste WM findet in Russland statt, in einem nicht sehr schwulenfreundlichen Land. Die übernächste in Katar, wo homosexuelle Handlungen mit fünf Jahren Gefängnis oder 90 Peitschenhieben bestraft werden. Auch aus der Sicht der Betroffenen spielt die ökonomische Frage eine Rolle. Ein Outing würde wahrscheinlich dem Marktwert eines Spielers schaden. Viele Clubs würden ihn nicht mehr kaufen wollen, weil niemand weiß, wie die Sponsoren oder die Fans reagieren würden. Und er könnte Unruhe in die Mannschaft bringen, worunter die Teamleistung leiden könnte. Die sportliche Leistung des Teams wiederum ist das Kapital eines jeden Clubs. Sie generiert Werbegelder, Zuschauereintritte, Einnahmen aus Senderechten etc. Fazit: Wo das Geld regiert, kommen die Menschenrechte meist zu kurz.

Wie recherchiert man für einen Film, dessen Thema ein rotes Tuch ist?

Gisler: Mir wurde 2014 aus sicherer Quelle von vier schwulen Profis in der Bundesliga berichtet, natürlich nicht namentlich. Als das Projekt finanziert war, haben wir uns zunächst von Kennern der Szene beraten lassen, welche Clubs dem Thema gegenüber wahrscheinlich aufgeschlossen wären. Da wurde uns unter anderem der BSC Young Boys in Bern genannt, ein Verein mit eher links geprägter Fankultur. Und tatsächlich hat uns der damalige Sportchef Fredy Bickel schon beim ersten Treffen volle Unterstützung zugesagt. Und zwar in größerem Umfang, als wir es erwartet hatten. Wir dachten, es könnte eine Zurückhaltung bei der Benutzung des Clubnamens und der Logos geben, aber das war überhaupt kein Problem. YB hat mir auch die Türen geöffnet für die detaillierte Recherche und mich sportlich beraten bei der Überarbeitung des Drehbuchs. Ich wollte den Fußballbetrieb hinter den Kulissen möglichst realistisch darstellen und durfte die U21 während einer Woche begleiten, konnte bei internen Sitzungen teilnehmen etc. Beim FC St. Pauli war es ähnlich. Der Club war für uns erste Wahl in Deutschland, denn St. Pauli ist noch offensiver als YB in der Positionierung gegen Homophobie. St. Pauli war einer der ersten Vereine, der entsprechende Verbote in die Stadionordnung aufnahm. Man sieht im Stadion überall Regenbogenfahnen und Spruchbänder. Ein großer Teil der Fanszene versteht sich als ausdrücklich politisch.

Was war für Sie die größte Herausforderung bei diesem Film?

Gisler: Einem medial längst präsenten Megathema gerecht zu werden und gleichzeitig meine persönliche Handschrift in den Film bringen zu können. Eine weitere große Herausforderung war es, die ganzen Fußball-Szenen mit Schauspielern und Amateurspielern professionell darzustellen. Wir hatten einen Fußball-Coach für die Inszenierung der Spielszenen. Und die beiden großen Matches in Hamburg wurden mit Green-Screen im leeren Stadion gedreht und die Zuschauer danach digital eingefügt.

Haben Sie schon Rückmeldungen zu „Mario“?

Gisler: Die Rückmeldungen von Zuschauern sind sehr positiv bis enthusiastisch, was mich freut. Der BSC YB und St. Pauli haben den Film zwecks Abnahme gesehen. St. Pauli war begeistert und will eine interne Vorführung mit Funktionären und der ganzen Mannschaft organisieren. YB hat sehr positiv reagiert. Ein Mitglied des Verwaltungsrates fand die Szenen, in denen die Hauptfiguren zum Versteckspiel gedrängt werden, bedrückend, aber durchaus realistisch.

Glauben Sie, dass Sie mit „Mario“ mehr Toleranz für Homosexuelle erreichen?

Gisler: Thomas Hitzlspergers Outing 2014 sowie auch kürzlich das Outing des Schweizer Schiedsrichters Pascal Erlachner haben medial riesige Wellen geschlagen. Aber das war’s auch schon, viel mehr ist seither nicht passiert. Ich denke „Mario“ ist ein weiterer Puzzlestein in Richtung mehr Toleranz. Wichtig ist es, die Diskussion aufrechtzuerhalten, aber vermutlich ist es noch ein weiter Weg zu einer Selbstverständlichkeit im Umgang mit sexueller Diversität im Profisport.

Zu Marcel Gisler

Am 18. März in Altstätten in der Ostschweiz geboren. Ab Anfang der 1980er-Jahre als Filmemacher in Berlin. Eigenes Coming Out. Bis heute sieben, meist mehrfach ausgezeichnete und erfolgreiche Kinofilme sowie 35 Folgen für die Schweizer TV-Serie „Lüthi und Blanc“, Dozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und Mitglied der Europäischen Filmakademie.

 

Bitte ergänzen Sie diese Sätze:

Liebe auf den ersten Blick …

… ist was Schönes, aber ungefähr so zuverlässig wie die Diagnose auf den ersten Händedruck.

Freunde sind …

… weitaus beständiger als Liebhaber und billiger dazu.

Der Glaube an mich selbst …

… muss immer wieder neu erkämpft werden.

Homosexualität sollte …

… so selbstverständlich sein, dass es uninteressant ist, überhaupt darüber zu reden.

Mein Leben ist …

… abgesehen von ein paar Verwerfungen ganz gut verlaufen bisher.

Glück und Erfolg sind …

… das Resultat aus günstiger Fügung und harter Arbeit.

Filmstart von „Mario“ in den deutschen Kinos vermutlich 2018.

www.facebook.com/MarioFilm/