D – Überlingen | Martin Walser ist ein tiefgründiger Sprachvirtuose und streitbarer Geist. Er gilt als einer der einflussreichsten deutschen Autoren der Neuzeit. Am 24. März 2017 wird der Schriftsteller, der zeitlebens dem Bodensee treu geblieben ist, 90 Jahre alt. Seine Schaffenskraft scheint ungebrochen: Erst vor Kurzem ist wieder ein neues Buch von ihm erschienen.

„Alle Menschen sind am 24. März 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren. Das ist länger her, als die Jahreszahlenrechnung vermuten lässt. Damals, das ist inzwischen ein Wort, so gewaltig wie ein Pfahl …“ Martin Walser hat dies einmal in einem Essay geschrieben. „Damals“, am 24. März 1927, wurde er selbst in die geschäftige Welt der Wasserburger Bahnhofsgaststätte hineingeboren, die seine Eltern betrieben. Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte er als Soldat. In Regensburg und Tübingen studierte er Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie. Er promovierte über Franz Kafka, arbeitete für den neu gegründeten Süddeutschen Rundfunk und schloss sich als Schriftsteller der legendären Gruppe 47 an. Sein erster Roman, „Ehen in Philipsburg“, erschien 1957 und wurde ein großer Erfolg. Von da an lebte Martin Walser zunächst in Friedrichshafen und dann – bis heute – in Nußdorf bei Überlingen. Aus seiner Ehe mit Katharina „Käthe“ Neuner-Jehle gingen die Töchter Franziska, Johanna, Alissa und Theresia hervor. Mit Maria Carlsson, der dritten Ehefrau des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein, hat er einen Sohn: Jakob Augstein.

Als Schriftsteller befindet sich Martin Walser nun im 60. Berufsjahr. In einem Fernsehinterview sagte er vor Kurzem: „Ich wollte nie Schriftsteller werden, das gab es gar nicht in meiner Vorstellung. Ich musste einfach schreiben.“ Und er hat viel geschrieben: Romane, Theaterstücke, Essays. In jeder Phase seines literarischen Schaffens hat er bedeutsame Preise und Ehrungen erhalten. Heute gilt er als der letzte Großschriftsteller der Generation von Heinrich Böll, Max Frisch, Siegfried Lenz und Günter Grass. Das Menschentypische, die Befindlichkeiten der Normalbürger, die menschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen hat Martin Walser immer wieder mit großer Erzählkunst und sprachlicher Präzision beschrieben. Seine Helden sind oft Antihelden, die sich den Anforderungen, die ihre Umgebung oder sie selbst stellen, nicht gewachsen fühlen und innere Konflikte mit sich austragen.

Auch Martin Walser trug manchen Konflikt aus – mit realen Kontrahenten wie dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki oder in gesellschaftlich-politischen Debatten. So hat die Rede, die Walser 1998 zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche hielt, zu heftigen Reaktionen geführt, weil er darin eine „Instrumentalisierung von Auschwitz“ unterstellte. Mit oft polarisierenden Äußerungen hat sich Walser immer wieder in öffentliche Diskussionen eingemischt. Er bezog Stellung gegen den Vietnamkrieg, für die Wahl von Willy Brandt als Bundeskanzler, gegen die deutsche Teilung, gegen den Krieg in Afghanistan. Walsers Wort wird geachtet und geschätzt, ist aber auch umstritten.

Über sein jüngstes Werk mit dem Titel „Statt etwas oder Der letzte Rank“ sind die Literaturkritiker ebenfalls geteilter Meinung. Die einen bejubeln es als „die Summe eines langen Lebens“, die anderen bezeichnen es eher zurückhaltend als „inneres Selbstporträt eines Dichters“. Eine Autobiografie ist dieses Buch, das keine Handlung hat, jedoch nicht. Der Rowohlt-Verlag, in dem es erschienen ist, stuft es als Roman ein und nennt es ein „Musikstück aus Worten“.