Der Bodensee ist wie ein kleines Europa: viele Grenzen, nationale wie provinzielle, viele Eigenheiten und manches Einende. Und über allem die große abstrakte Idee einer Gemeinsamkeit – der Bodensee, der zwar philosophisch verbindet, aber faktisch im Alltag trennt.

Ähnlich wie mit der Idee eines Zusammengehörigkeitsgefühls vermittels 82 Kilometer Pfütze verhält es sich mit der „Idee Europa“: Man zählt sich eigentlich nicht ohne Stolz dazu, aber im Alltag nervt‘s eher. Und das, obschon der See bei genauer Betrachtung paradoxerweise eine Insel ist inmitten Europas, eine Insel des Friedens und der Glückseligkeit seit Jahrzehnten.

Das war indes nicht immer so: Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) gehörte die Landschaft zu den am stärksten in Mitleidenschaft gezogenen Regionen eines im Glaubenskrieg zerrissenen Europas. Die Spuren finden sich bis heute, wie sich in unserer großen Story in dieser Ausgabe nachverfolgen lässt. Ein im Nachhinein selten sinnloser Krieg aufgrund von vordergründig divergierenden Glaubensdefinitionen: katholisch gegen protestantisch, verkürzt auf „einer darf Wein trinken“ gegen „alle sollten Wein trinken dürfen“. In der Idiotie übrigens nicht unähnlich dem heute aktuellen Glaubens(richtungs)krieg des Islam, denn allen Unterstellungen zum Trotz: nicht Europäer oder Christen sind Hauptleidtragende dieses ebenfalls jahrhundertealten Schwelbrands, sondern Moslems selbst sind die größten Opfer von Moslems. Schiiten gegen Sunniten – und das seit Jahrhunderten; und befürchtungsweise wird dieser Zustand auch noch länger andauern …

Auch der Bodensee wurde Jahrhunderte später erneut in Mitleidenschaft gezogen, als der Erste und der Zweite Weltkrieg durch Europa tosten, zwar nicht wegen Glaubensdivergenzen, aber fast schon religiösem Nationalismus. 1618 begann also der Dreißigjährige Krieg, 1918 endete der Erste Weltkrieg – 2018 gedenken wir beider Ereignisse. Und zwar vor dem Hintergrund erneut aufkeimenden sinnfreien Nationalstolzes, religiösen Fanatismus‘ und einer stärker werdenden Europamüdigkeit, einhergehend mit Demokratie-Missmut. Stimmt schon, Friede ist eintönig, der demokratische Kompromissprozess in Rathäusern und Parlamenten ermüdend, und nachdenklich-vorsichtige Krisenvermeider sind langweiliger als heldenhaft-aktive Krisenmanager.

Die Umkehrung macht allerdings deutlich: Wer mal in einem Flugzeug sitzen durfte mit einem später gefeierten Krisenmanager als Bruchpilot, wird sich nach einem langweiligen Krisenvermeider im Cockpit sehnen, der seine Flüge mit routinemäßiger Eintönigkeit stets zur Landung bringt. Daraus lässt sich allerdings später dann kein spannendes Heldenepos stricken – und so bekommen irgendwie immer die Falschen den Applaus (vor diesem Hintergrund bekommt das verpönte Klatschen bei Landungen übrigens eine ganz andere Nuance!).

Apropos „falschen Applaus geben“: „Wer Abschottung anstelle von Weltoffenheit fordert, wer sich sprichwörtlich einmauert, wer statt auf Freihandel auf Protektionismus setzt und gegenüber der Zusammenarbeit der Staaten Isolationismus predigt, wer zum Programm erklärt ‚Wir zuerst!‘, darf sich nicht wundern, wenn es ihm andere gleichtun – mit allen fatalen Nebenwirkungen für die internationalen Beziehungen, die uns aus dem 20. Jahrhundert hinreichend bekannt sein sollten.“

Das stammt nicht von mir, sondern von einem meiner Lieblings-Bodensee-Anwohnern (der hier leider wenig öffentlich in Erscheinung tritt): Prof. Norbert Lammert, bis vor Kurzem Bundestagspräsident in Berlin. Irgendwie logisch, dass sich dieser kluge Kopf ausgerechnet in der vermeintlichen Langeweile dieser europäischen Modell-Region wohlfühlt. Hoffentlich noch eine „lange Weile“ …

 

Markus Hotz

Herausgeber

 

 

Alle „historischen“ Intros übrigens auch zum nachlesen und weitersenden online unter www.akzent-magazin.com/intro