… Zukunft in der Bodenseeregion?

Wenn man sich in der Bodenseeregion mit der Zukunft der Mobilität beschäftigt, lohnt es sich, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Vor über 120 Jahren hatte Ferdinand Graf von Zeppelin eine Vision: Fliegende Schiffe, die Menschen und Waren transportieren konnten und dabei selbständig lenkbar waren. Für diese Idee wurde er verspottet und als „Narr vom Bodensee“ bezeichnet. Er sollte aber recht behalten und die nach ihm benannten Zeppeline wurden zur Erfolgsgeschichte und faszinieren auch heute noch die Menschen. Eine ähnliche Erfolgsgeschichte ist die Idee von Claude Dornier, der aus dem Luftschiffbau kommend schwimmende Flugzeuge baute und damit zu den Pionieren des Flugzeugbaus zählt.

Beide Persönlichkeiten hatten klare Vorstellungen davon, wie die Mobilität der Zukunft aussehen würde, und auch wenn ihre eigentlichen Erfindungen nur noch musealen Charakter haben, zeigen sie heute noch Wirkung. Ihre Visionen legten den Grundstein für eine weltweit tätige und hochtechnologische Industrie, die sich mit unterschiedlichen Facetten der Mobilität beschäftigt. Einige der größten Industrieunternehmen der Bodenseeregion, wie z.B. die ZF Friedrichshafen, die MTU Friedrichshafen oder Airbus Space and Defence in Immenstadt (die frühere Dornier GmbH) lassen sich direkt auf diese beiden Visionäre zurückführen. Zahlreiche andere Unternehmen der Mobilitätsindustrie haben ihren Sitz in der internationalen Bodenseeregion: Stadler Rail in der Ostschweiz, Doppelmayr in Vorarlberg, Continental oder Liebherr im Landkreis Lindau. Die Region zählt mehrere 10.000 Arbeitsplätze in diesem Sektor und ein großer Teil der regionalen Wertschöpfung wird hier erwirtschaftet.

Transformationsprozess gefragt

Die Mobilitätsindustrie ist weltweit nicht erst seit der Corona-Pandemie mit großen Herausforderungen konfrontiert. In den kommenden Jahren wird es einen grundlegenden Transformationsprozess geben, bei dem möglicherweise klassische Unternehmen mit ihren heutigen Produkten vom Markt verdrängt werden und neue entstehen. Die Herausforderungen sind dabei vielfältiger Art und resultieren (zurecht) aus der Diskussion um Umwelt- und Klimaschutz, aber auch aus der Digitalisierung, dem gesellschaftlichen Wertewandel oder auch – wie Corona gezeigt hat – aus einer Veränderung der Arbeitswelt (Stichwort Homeoffice). Nicht nur, aber auch für die Bodenseeregion wird damit Mobilität zu einem zentralen Zukunftsthema. Selbstfahrende Autos und Züge, Flugtaxis, E-Autos und Car Sharing – die Vorstellungen von den technologischen Aspekten einer Mobilität der Zukunft sind äußerst vielfältig. Wie kann die Zukunft der Mobilität konkret aussehen und in welche Richtung muss die Diskussion gehen? Im Rahmen des Wissenschaftskongresses 2020 „Digitalisierung und Mobilität“, der vom Think Tank Thurgau und DenkraumBodensee veranstaltet wurde, haben sich über 100 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik mit dieser Fragestellung beschäftigt. Dabei wurde deutlich, dass die Industrie in der Bodenseeregion bereits über zahlreiche zukunftsfähige Mobilitätstechnologien verfügt und auch in den zahlreichen Hochschulen der Bodenseeregion intensiv an solchen Themen geforscht wird. Das Themenfeld ist weit und reicht z.B. von selbstfahrenden Bussen, E-Bussen, Seilbahnen in Städten , Brennstoffzellen als Zugantriebe, Fährschiffen mit Gas- oder Elektroantrieben bis hin zu CO2-neutralen Flugzeugen oder selbstfliegenden Flugtaxis. Auch in den Hochschulen und Forschungseinrichtungen der Bodenseeregion wird auf hohem Niveau zu Mobilitätsthemen geforscht. Das Spektrum umfasst Forschungen z.B. zu Wasserstofftechnologie, Kundenverhalten im Öffentlichen Verkehr, SMART Mobility bis hin zu Bewegungsmustern großer Gruppen.

DenkRaumBodensee

Damit die Mobilitätsindustrie der Bodenseeregion zukunftsfit gemacht werden kann, braucht es nach Ansicht der Expertinnen und Experten aber mehr. Wichtig ist vor allem, dass eine Modellregion für zukunftsfähige Mobilität entsteht und konkrete Projekte praktisch umgesetzt werden. Erste Vorhaben, wie z.B. das Elektrobussystem der Verkehrsbetriebe Schaffhausen, das Reallabor für selbstfahrende Fahrzeuge der ZF in der Stadt Friedrichshafen oder auch das digitale (grenzüberschreitende) Ticketsystem FAIRTIQ, das für die Ostschweiz, Liechtenstein und Vorarlberg bereits heute verfügbar ist, wurden bereits erfolgreich umgesetzt. Darüber hinaus existieren verschiedene strategische Konzepte, wie z.B. die E-Mobilitätsstrategie der Internationalen Bodensee Konferenz, das Bodensee-S-Bahn-Konzept oder das Wasserstofftechnologiekonzept Bodensee, die bereits teilweise in der Umsetzung sind. Dabei darf nach Ansicht der (Verkehrs-)Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht allein auf technologische Lösungen gesetzt werden. Es bedarf stattdessen einer umfassenden und integrativen Betrachtung, um eine zukunftsfähige Mobilität zu entwickeln und auch erfolgreich umzusetzen. Das heißt, Fragen des Wohnens und des Arbeitens müssen genauso berücksichtigt werden wie Fragen des Freizeitverhaltens oder des internationalen Handels. Dabei spielt vor allem die Akzeptanz der technischen Lösungen eine wichtige Rolle, um eine Verhaltensänderung herbeizuführen und Innovationen zum Durchbruch zu verhelfen.

Die Bodenseeregion verfügt über großes Potenzial und könnte wie vor 120 Jahren zu einer Vorreiterregion für eine zukunftsfähige Mobilität werden. Und wie dieses Ziel erreicht werden kann, hat schon Ferdinand Graf von Zeppelin erkannt: „Man muss nur wollen und dran glauben, dann wird es gelingen.

Der Denkraum Bodensee

Im sogenannten Think Tank „DenkRaumBodensee“ engagieren sich die Universitäten St.Gallen und Konstanz, die Zeppelin Universität in Friedrichshafen, die Duale Hochschule Ravensburg, das Liechtenstein Institut, das Vorarlberger Architektur Institut in Dornbirn sowie die Internationale Bodensee-Hochschule IBH in Kreuzlingen, um den Dialog zur Zukunft der Bodenseeregion fortzusetzen. Die Finanzierung erfolgt aus Eigenmitteln der beteiligten Partner sowie aus Mitteln des Interreg V-Programms „Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein“ und der Internationalen Bodensee-Konferenz IBK. In unregelmäßigen Abständen berichtet der DenkRaumBodensee in akzent über verschiedene Themen.

Text: Roland Scherer & Simone Strauf, DenkRaumBodensee

Beitragsbild: Achim Mende, Der Zeppelin schwebt über den malerischen Bodensee mit seinen vielen Segelbooten hinweg