Wenn es Herbst und Winter wird und die Nebelschwaden über den See ziehen, es morgens länger dauert, bis es aufhellt, und es abends immer früher dunkel wird, dann schlägt die Stimmung am See um. Fast schon übersättigt mit Bildern der Bodenseeidylle aus schönsten sonnigen Sommertagen freut man sich darauf, mal wieder erschauern zu dürfen. Passend zur dunklen Jahreszeit darf es gerne geheimnisvoll sein. Nervenkitzel ist gefragt. Gegen die Gänsehaut hilft eine wärmende Decke auf dem Sofa. Derart wohlig geschützt lassen sich Geschichten über die düsteren Seiten des Sees gut ertragen.

Der Bodensee kann nicht nur idyllisch, es gibt auch tiefe Abgründe und damit die passende Kulisse für Mord- und Totschlag. Das beweisen nicht nur eine Fülle von regionalen Krimis. Auch wenn oder gerade weil die ARD-Tatort-Kommissare längst abgezogen sind, gibt es in der Vierländerregion viel zu tun für die Kriminaler aus Film und Fernsehen.

Filmblut
Walter Sittler alias Robert Anders ist neu dabei am See. Mit ihm hat das ZDF einen seiner beliebtesten TV-Kommissare, der bislang auf der schwedischen Insel Gotland ermittelte, vom Meer in den Ruhestand an den See versetzt. Direkt nach seiner Ankunft in seinem Elternhaus nahe Lindau wird er in einen Mordfall verwickelt. Obgleich er selbst anfangs unter Mordverdacht steht, ist er mit seiner kriminalistischen Spürnase den ermittelnden Beamten natürlich immer einen Schritt voraus. Die erste Folge von „Der Kommissar und der See“ wurde im Oktober ausgestrahlt, ist weiterhin in der ZDF-Mediathek zu sehen und soll jährlich mit einer neuen Folge fortgeführt werden.

„Der Kommissar und der See“ – Drehstart: Robert Anders (Walter Sittler) am Ufer des Bodensees | (c) ZDF, Patrick Pfeiffer

Mörderisch geht’s auch im Ländle zu. Der Spielfilm „Das Schweigen der Esel“ aus der ORF-Landkrimireihe in Kooperation mit ARTE wurde 2022 unter anderem in Hittisau, Bregenz und Wolfurt gedreht, von und mit Karl Markovics. An der Seite des falschen, inhaftierten Kommissars ist die Vorarlbergerin Julia Koch als Dorfpolizistin Sophie Landner einer Mordserie auf der Spur, die mit der Geschichte der Bremer Stadtmusikanten in Verbindung steht. Die Lösung des Falls ist 2023 zu sehen.

Vorarlberg und die Region um Lindau sind seit 2014 auch Drehorte von „Die Toten vom Bodensee“. In der deutsch-österreichischen Fernsehreihe löste das Team um Kriminalinspektorin Hannah Zeiler (Nora Waldstätter) und Kriminalhauptkommissar Micha Oberländer (Matthias Koeberlin) in diesem Jahr mit „Das zweite Gesicht“ schon den 14. gemeinsamen Fall. Im Mittelpunkt steht ein Mord, der noch gar nicht geschehen ist, als er gemeldet wird. Schmucke Bilder vom Alpenpanorama, gepaart mit mystischem Brauchtum und furchteinflößenden Gestalten lassen die Zuschauer*innen erschauern. Mit „Unter Wölfen“ folgt im November (01.11. im ORF und 07.11. im ZDF) bereits der 15. Fall. Ein Wolf streift durch die Wälder um den See und ruft sowohl Tierschützer als auch Jäger auf den Plan. Eines Morgens wird die Leiche eines Trophäenjägers gefunden, aufgespießt von einem der Pfähle seiner eigenen historischen Wolfsfallen. Die bisherigen Folgen sind in den Mediatheken zu sehen und auf DVD erhältlich.

In etwas seichterem Gewässer dümpeln die Geschichten der „WAPO Bodensee“, mit denen der SWR 2017 die Nachfolge des Bodensee-Tatorts angetreten ist. Als Polizistin Julia Demmler mit dabei ist die Rapperswilerin Wendy Güntensperger. Gedreht wird unter anderem auf der Mettnau, in Radolfzell, in Bodman-Ludwigshafen und mit dem Polizeiboot natürlich auf dem See. Im September dieses Jahres begann bereits die 7. Staffel mit 20 neuen Folgen der beliebten Vorabendserie. Auch die 8. Staffel ist bereits im Kasten und ab 2023 zu sehen. Um diese Uhrzeit darf es natürlich noch nicht so richtig gruselig werden. So sind die Ermittlungen der symphatischen Polizistentruppe in die heile, schöne Bodenseewelt eingebettet. Die Bilder verbreiten Urlaubsstimmung und helfen der Tourismusbranche am See bestimmt, neue Gäste anzulocken. 

ARD WAPO BODENSEE 5. STAFFEL, FOLGE 68, „Die letzte Meile“, am Dienstag (22.11.22) um 18:50 Uhr im ERSTEN. Julia Demmler (Wendy Güntensperger, h.) findet auf dem Boot die Verletzte Babette Rau (Theresa Sophie Albert, v.). | © Bild: ARD/Nicolas Gradicsky

Seitenweise Mord und Totschlag
Während es mit der Kamera gar nicht so einfach ist, gegen die Schönheit des Sees anzukommen, weil aufgepasst werden muss, dass die Bilder nicht zu malerisch werden, scheint es für die Autor*innen von Kriminalromanen leichter, eine echte Mordstimmung zu erzeugen. Sie sind geradezu beseelt vom Bodensee und lassen bei den Leser*innen schaurige Bilder im Kopf entstehen. Wer hätte gewusst, dass sogar die Figur des Dr. Mabuse hier am See Gestalt annahm, als Norbert Jacques, der Erfinder des weltberühmten Superverbrechers, nach dem Ersten Weltkrieg mit einer Fähre über den Bodensee setzte? Der Bodensee hat eine finstere Vergangenheit, war er doch damals ein belebter Umschlagplatz für den Schwarzhandel. Jacques beobachtete einen Mitpassagier, dessen Statur und Gesicht ihn inspirierten. Im Geist machte er dann aus dem kleinen Schieber einen genialen Verbrecher für den Roman „Dr. Mabuse, der Spieler“. Seither schafften es viele regionale Krimis, die lieblichen Bodenseebilder infrage zu stellen und stattdessen Angst und Schrecken zu verbreiten. Angesichts der vielen Tötungsdelikte, die in den letzten Jahren den Federn der Krimischreiber*innen aus der Region entsprungen sind, muss man froh sein, hier bislang mit heiler Haut davongekommen zu sein. Glaubt man den Büchern, sind jede Menge Verbrecher- oder gar Mörder*innen unter uns. Die Plätze, an denen sie Unheil verbreiten, sind uns nur zu gut bekannt. Erfundene Verbrechen an real existierenden Orten: Genau das erhöht den Gruselfaktor bei Regionalkrimis. Selbst an paradiesischen, scheinbar harmlosen Orten können heimtückische Täter lauern. Rätselhafte Verbrechen finden quasi vor der eigenen Haustür statt. Hier stellen wir zehn der besten 2022 erschienenen Krimis vor, bei denen Mitfiebern angesagt ist, denn Täter, Opfer, Verdächtige, Zeugen und Ermittler könnten unsere Nachbarn sein.

„Abgrundtiefer Bodensee“ von Manfred Braunger, Freiburger und Bodenseekenner (Stadler Verlag): Ein harmloses Tauchabenteuer wird zum Albtraum, und eine historische Legende wird zur kriminellen Realität. Kein Wunder, dass es seit Jahren ein Tauchverbot an diesem Uferabschnitt des Bodanrücks gibt. Kommissar Paul Zoffinger ermittelt in seinem 5. Fall am westlichen Bodensee.  

„Affenhitze“ von den Allgäuer Autoren Volker Klüpfel & Michael Kobr (Ullstein Verlag):
Eigentlich viel zu schwül, doch Kommissar Kluftinger hat keine Wahl: Er muss in der Tongrube ermitteln, in der Professor Brunner vor einiger Zeit das berühmte Skelett des Urzeitaffen ausgegraben hat. Nun wurde Brunner verscharrt unter einem Schaufelbagger gefunden. 

Volker Klüpfel und Michael Kobr | (c) Hans Scherhaufer

„Bodensee-Bordeaux“ von Erich Schütz, der in Überlingen lebt (Gmeiner Verlag)
Weinpanscher wissen, wie sie ihren Wein, der für den chinesischen Markt bestimmt ist, an jeder Qualitätsprüfung vorbeischleusen. Trauen sich Bodenseewinzer, ihre Rotweine als Bordeauxwein anzubieten? Die Verführung ist groß. Bei den abenteuerlich hohen Einnahmen kommt es auf einen Toten mehr oder weniger auch nicht an.

„Die Lukasch-Vermutung“ von Christian Mähr aus Dornbirn (Hirnkost Verlag)
Kann es denn sein, dass jemand, den man gut kennt, Unglück über seine Feinde bringt – ohne von dieser „Gabe“ auch nur etwas zu ahnen? Ein Krimi über das Glauben, das Nicht-Wissen und den Unterschied zwischen beidem, eingebettet in die Eitelkeiten einer provinziellen Kultur- und Politikszene, grundiert mit Humor. Gemordet wird natürlich auch.

„Irisblütenmord“ von Julian Biberger aus Meckenbeuren (emons: Verlag): An einem Naturstrand in Langenargen wird ein Toter gekreuzigt aufgefunden. Bald folgen in Eriskirch weitere altertümlich anmutende Morde, an den Tatorten findet sich jeweils eine getrocknete Irisblüte. Die Spur führt die Friedrichshafener Kommissare Marc Steingruber und Clara Meißner zu einem Jahrhunderte zurückliegenden Verbrechen im Tettnanger Wald.

„Nacht über dem Bodensee“ von Christian Schlindwein, der gebürtige Konstanzer arbeitet als Theologe in Liechtenstein (Gmeiner Verlag): Lisa Engels, die die Stelle als Stadtarchivarin in Überlingen antritt, wird in einen Mordfall verwickelt. Sie stößt auf mehrere hundert Jahre alte Berichte eines Reichenauer Mönchs über eine mörderische Sagengestalt. Alles passt genau zu den aktuellen Morden.

„See ohne Wiederkehr“ Walter Christian Kärger aus dem Allgäu hat schon den siebten Fall für seinen Ermittler (emons: Verlag): Während Kommissar Madlener nach folgenschwerem Ausgang des letzten Falls in eine Auszeit geschickt wird, steht seine Kollegin Harriet vor einem Dilemma: Bei den Ermittlungen in einem herausfordernden Mordfall erkennt sie in zwei Tatverdächtigen ihre Peiniger wieder, die sie vor Jahren überfallen und beinahe umgebracht hatten. 

„So kalt der See“ von Tina Schlegel, die in Konstanz studierte (emons: Verlag): Kommissarin Cora Merlin ist auf dem Weg in die Polizeidirektion Lindau, als die Fahrerin im Auto nebenan ihre Aufmerksamkeit erregt: Ihre Lippen formen das Wort „Hilfe“. Cora folgt dem Wagen und wird wenig später Zeugin einer Hinrichtung. Es beginnt die Jagd nach einem Täter, der einen verstörenden Plan verfolgt.

„Tatort Bodensee: Der Fluch des Jackpots“ von Martin Oesch, ehemals leitend beim Ostschweizer Radiosender FM1 (Gmeiner Verlag):  Kommissar Hutter von der Thurgauer Polizei und seine Praktikantin Lisa Lehmann werden gleich zu drei rätselhaften Todesfällen in ein Dorf gerufen, in dem ein rekordverdächtiger Lottogewinn gewonnen wurde.

„Tatort Vorarlberg“, der Dornbirner Norbert Schwendinger ermöglicht einen echten Blick hinter die Kulissen der Polizeiarbeit (Edition v): Sein Buch beleuchtet zwölf wahre Kriminalfälle aus Vorarlberg. In seiner Zeit als Chefermittler und Leiter des Morddezernats hat Schwendinger mit seinem Team eine Vielzahl an Kriminalfällen und 90 Tötungsdelikte bearbeitet und dabei eine Aufklärungsquote von nahezu 100% erfüllt. 

Lesungen mit Gänsehaut
Wem Lesen nicht reicht, der kann sich mörderische Geschichten auch vorlesen lassen. Diese Autor*innen, die mit ihren Krimis zwar nicht vom, aber an den See kommen, sollten Krimiliebhaber*innen im November nicht verpassen.

Der Münchner Tatort-Kommissar Miroslav Nemec hat seinem erfolgreichen Krimi-Erstling einen zweiten Fall folgen lassen. Am 4. November liest er im Rahmen des „19. Tuttlinger Literaturherbsts“ aus „Kroatisches Roulette“. Sein zweiter Fall, der größtenteils in Kroatien spielt, ist Psychothriller in eigener Sache. Wieder tritt er selbst als Protagonist auf. Eigentlich führt er ein glückliches Leben, bis zum Tod eines Zimmermädchens. Alle Indizien sprechen dafür, dass ausgerechnet er der Mörder sein muss.
04.11., 20 Uhr | Stadthalle Tuttlingen | Königstr. 39 | D-78532 Tuttlingen | www.tuttlinger-hallen.de

Wenige Tage später liest eine ganz große Krimidame in Owingen-Überlingen. Ingrid Noll, die zweimal mit dem„Friedrich-Glauser-Preis“ ausgezeichnet wurde, hat ihren brandneuen Krimi „Tea Time“ im Gepäck. Sechs Frauen gründen aus einer Sektlaune heraus den Klub der Spinnerinnen – jede von ihnen hat eine spezielle Macke. Als eine ihre Handtasche verliert, beginnt die verhängnisvolle Bekanntschaft mit Andreas Haase, der sich nicht mit dem üblichen Finderlohn begnügt. Noll ist übrigens Ehrenkriminalhauptkommissarin der Mannheimer Polizei und Ehrenkommissarin der Bonner Polizei. Ihre Werke „Ladylike. Jetzt erst recht!“, „Kalt ist der Abendhauch“ und „Der Hahn ist tot“ wurden verfilmt.
10.11., 20 Uhr | Gutsscheune Golfclub Owingen | D-88696 Owingen | www.mjw-eventmanufaktur.de

Die Allgäuer Erfolgskrimi-Autoren Volker Klüpfel und Michael Kobr sind mit ihren Kluftinger-Krimis mittlerweile nicht mehr von den Bestsellerlisten wegzudenken. Am 15.11. lesen sie im Radolfzeller Milchwerk aus „Funkenmord“, bei diesem Fall muss der Kult-Kommissar insbesondere sein Rollenverständnis von Frauen und Männern gründlich überdenken. Wegen eines Fehlers aus der Vergangenheit rollt er einen alten Fall wieder auf, zusammen mit seiner neuen Mitarbeiterin Lucy Beer. Kluftinger ist beeindruckt von der selbstbewussten jungen Frau, die frischen Wind in seine Abteilung bringt. 
15.11., 20 Uhr | Milchwerk Radolfzell | Werner-Messmer-Straße 14 | D-78315 Radolfzell | www.milchwerk-radolfzell.de

Beitragsild: WaPo Bodensee Folge Gnadensee | (c) Bild: ARD, Nicolas Gradicsky