Orange Wein gewinnt auch am Bodensee immer mehr Fans. Dagegen scheiden sich die Geister bei Naturwein; doch auch der spontan vergorene und naturbelassene Wein hat seine Anhänger und lohnt in jedem Fall immer wieder einen Probeschluck. 

Ein bundesweiter Weintrend hat mittlerweile auch den Bodensee erreicht: Orange Wein und Naturweine. Vor ein paar Jahren waren es am See noch wenige experimentierfreudige Weinproduzenten wie der Lindauer Biowinzer Claudius Haug, der mit seinem Vinatur Orange einen auf der Maische vergorenen Weißwein vinifiziert hat. Längst haben weitere Seewinzer die „vierte Weinfarbe“ als Spielwiese entdeckt und in ihr Portfolio aufgenommen. Und glücklicherweise sind ihre zart orangefarbenen Kreationen nun in den meisten Fällen auch den Kinderschuhen entwachsen – das heißt, sie versprechen ein interessantes Trinkerlebnis. Orange Weine werden wie Rotwein auf der Maische von gut reifen Weißweintrauben vergoren, wodurch sie nicht nur die typische Farbe von Goldgelb bis Orange annehmen, sondern insbesondere auch mehr Aromen und Gerbstoffe. Durch die Tannine entwickeln diese Weißweine eine ungewohnt eigenwillige Note, die am Gaumen eher an Rotwein erinnert. Und in der Nase entfalten sie eine komplexe Aromatik von getrockneten, bzw. kandierten Früchten, Nüssen, Honignoten. 

Neue Weintrends - Orange Wine
Neue Weintrends – Orange Wine

Eine wichtige Rolle spielen natürlich auch die Rebsorte und der Ausbau. Der Orange Wein vom Winzerverein Hagnau, basierend auf Müller-Thurgau-Trauben und als trockener Aperitifwein ausgebaut, vermählt kandierte Früchte mit Noten von weißem Pfeffer und Koriander. Der Gewürztraminer Gedanken-Spiel (Orange Wein) aus dem Weingut Markgraf von Baden spielt mit Aromen von Rosen, Kräutern, Melone und auf der Zunge mit exotischen Früchten. Beim Orange Wein aus Gutedel vom Hohentengener Weingut Engelhof dominieren Gewürznoten wie Lorbeer und Nelke. Claudius Haug hat für seinen Orange Wein die pilzwiderstandsfähige Traube Souvignier Gris verwendet und seinen Orange Wein als Naturwein ausgebaut. Auch der Engelhof verzichtete auf Zuchthefe und Schwefel. Ganz aktuell ist auch das Staatsweingut Meersburg auf den Orange-Zug aufgestiegen, allerdings stehe eine Entscheidung noch aus, ob das erste Orange-Produkt aus Chardonnay und Weißburgunder in den Verkauf komme, sagt Kellermeister Johannes Brückner zu akzent; als nächstes sei jedoch bereits ein Sauvignon Blanc Orange Wein in Arbeit. 

Weingut Engelhof, Orange Wine, 2014 Gutedel trocken
Weingut Engelhof, Orange Wine, 2014 Gutedel trocken

Der Begriff Orange Wein wird fälschlicherweise oft mit Naturwein gleichgesetzt. Tatsächlich handelt es sich beim sogenannten Vin Naturel um ein völlig anderes Herstellungsverfahren: Während Orange Wein die Art der Gärung bezeichnet, weist der Begriff Naturwein darauf hin, dass die Weine so natürlich wie möglich, also ohne Zusätze und aufwendige Verfahren, vinifiziert werden. Konkret: keine Beigaben von Zuchthefen, kein oder kaum Schwefel (Sulfite), unfiltrierte Abfüllung in Flaschen. Den Wein machen lassen, ist die Devise. Damit das aber nicht schief geht und der Wein nicht die infolge des fehlenden Schwefels befürchteten Fehltöne annimmt, setzt dies bei Naturwein erstklassiges Traubengut, vorzugsweise aus biodynamischem Anbau, sowie viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl beim Kellermeister voraus. Naturbelassen und ungeschwefelt überraschen die oft staubtrockenen und ausdrucksstarken Weine mit einer eigenwilligen Aromatik und ungewöhnlichem Geschmack abseits der gewohnten Fruchtigkeit einer Rebsorte. Naturweine sind daher durchaus gewöhnungsbedürftig und kommen nicht bei allen Weingenießern gut an. Andere finden gerade das Geschmackserlebnis jenseits des Mainstreams spannend. Einer, der in der Seeregion schon lange spontan vergorene Weine mit lediglich safteigener Hefe herstellt, ist Michael Broger am Ottoberg in Weinfelden. Im Meersburger Weingut Aufricht experimentiert Junior Johannes erfolgreich mit naturbelassenen Weinen in seiner eigenen Johannes Aufricht-Weinlinie. Ein uraltes, über Tausende von Jahren angewendetes Verfahren in der Weinherstellung nutzt Weinkalchrain im thurgauischen Hüttwilen: Amphorenwein. Dort werden jeweils ein Müller-Thurgau wie ein Orange Wein in einer toskanischen Terrakotta-Amphore auf der Maische vergoren und ausgebaut sowie in einer weiteren Amphore ein Blauburgunder, die dann mit minimalem Schwefelzusatz unfiltriert in Flaschen abgefüllt werden. Das Trinkerlebnis beim Müller-Thurgau Amphore umfasst wie bei Orange Wein vielschichtige Gerbstoffe und zarte Zitrusaromen. 

Interessant, aber nicht zur Kategorie Naturwein gehörend, ist „Der Erdwein“ (Pinot Noir), den Fredi Saxer vom gleichnamigen Weingut in Nussbaumen alle paar Jahre in drei Barriquefässern für ein Jahr zwei Meter tief unter einer Ökowiese vergräbt. Dort reift der Wein harmonisch und unbeeinflusst durch den Winzer bei einer immer gleichen Temperatur von 12 Grad und brilliert am Ende mit vielfältigem Ausdruck und jugendlich frischen Tanninen. Noch einen Schritt weiter in Sachen unbeeinflusster Weinreife ist Winzer Josef Möth in Bregenz gegangen. Er versenkte im Frühsommer 2019 zwei Weinfässer mit je 1000 Litern Chardonnay und seiner Cuvée Brigantium 60 Meter tief im Bodensee, wo der Wein – komplett abgeschnitten von Sauerstoff – bei einer konstanten Temperatur von 4 Grad reift. Gemeinsam mit Wissenschaftlern will der innovative Winzer herausfinden, wie sich das auf den Geschmack und die Qualität des Weins auswirkt. Am 4. Juli ist Weltpremiere für das Möth-Projekt „Tiefenrausch“: Dann soll das Fass mit dem Weißwein im Hafen von Bregenz gehoben werden. Und man darf gespannt sein, was das Experiment mit dem Wein gemacht hat. 

Natur- und Orange Weine sind vor allem etwas für Weinfreunde, die Abwechslung lieben und Neues kennenlernen möchten und bereit sind, sich auf das anfangs vielleicht ungewohnte Geschmacksabenteuer einzulassen. Wer sich dafür Zeit lässt und auch Weine von verschiedenen Winzern verkostet, wird mit der Zeit wahrscheinlich Spaß an dem neuen Trinkerlebnis haben. In jedem Fall sind die Weine ein exzellenter Essensbegleiter. 

Von Heide-Ilka Weber