Als erster Bodenseeanrainer bringt Österreich den Zeitplan für seinen Kulturneustart. Ab 29. Mai sind damit in Vorarlberg Veranstaltungen bis zu 100 Personen wieder erlaubt, ab 1. Juli dürfen es schon 250 sein und ab 1. August bis zu 500. Nach Vorlage eines strengen Sicherheitskonzepts sind dann eventuell sogar Veranstaltungen bis zu 1000 Besucher wieder möglich. Die österreichischen Kinos öffnen ab dem 1. Juli wieder.

Österreich setzt damit auf eine schrittweise Öffnung, die mehr auf Eigenverantwortung und Freiwilligkeit aufbaut. Es gelte das Prinzip „So viel wie möglich zulassen, so wenig wie möglich einschränken“, so der Vizekanzler und Grünenchef Kogler, der das Konzept am 15. Mai präsentierte. Mit diesem Rahmenkonzept wolle man in den Dialog mit der Kulturbranche treten. Jede Veranstaltung werde einen Coronabeauftragten haben müssen. Sitzplätze müssten mindestens einen Meter Abstand voneinander haben und die Steuerung der Besucherströme sei ein besonders wichtiges Thema. Es bleibt bei vielen Auflagen, trotzdem sei man froh, dass aufgrund der positiven Entwicklung der Infektionszahlen wieder mehr ermöglicht wird als vor kurzem noch zu hoffen gewagt wurde.

Für die Durchführung der Bregenzer Festspiele waren diese Lockerungen noch nicht ausreichend, sie mussten abgesagt werden, Rigoletto wird erst 2021 wieder auf der Seebühne stattfinden.

Schweiz entscheidet Ende Mai

Bei unseren Nachbarn in der Schweiz wird angedacht, die Kinos und die Theater ab dem 8. Juni wieder zu öffnen. Abschließend wird der Bundesrat aber erst am 27. Mai darüber entscheiden. Die Kinobetreiber sind schon in Vorbereitungen.  Zu den großen Herausforderungen, gehört aber nicht nur die Umsetzung der Schutzmaßnahmen für die Gäste und das Personal. Die Frage der Besucherzahl muss noch geklärt werden, dann wird sich auch erst zeigen, ob eine Öffnung rentabel sein kann. Beim geltenden Abstand von zwei Metern, wird es für Betreiber kleinerer Kinos und Bühnen problematisch.

Fraglich auch, ob die Öffnung dann zu einer Zeit kommt, in der in den Kinos normalerweise die Sommerflaute herrscht? Oder wird diese nach langer Kino-Abstinenz  in diesem Jahr gar nicht aufkommen?

Erstes Konzept in Deutschland

In Deutschland sind Filme vorerst nur in den neuen Autokinos zu sehen. So beklagt Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des Verbands HDF-Kino zuletzt Anfang Mai, „Die Politik muss endlich Perspektiven bieten, um eine Insolvenzwelle  der deutschen Kinos zu verhindern“. Mit der Möglichkeit für kleine künstlerische Veranstaltungen bis zu 100 Personen, die ab dem 1. Juni in Ba-Wü wieder möglich sein sollen, könnten Kinos zumindest eingeschränkt wieder starten. Diese Ankündigung Mitte Mai hat aber auch für Verunsicherung gesorgt. Als Perspektive für die Theater galt bislang eine Öffnung nach dem Sommer – also in der nächsten Spielzeit. Entsprechend hatte das Stadttheater Konstanz sein aktuelle Saison vorzeitig für beendet erklärt. Muss man jetzt weitermachen? Schließlich könnten Künstler, die bereits in Vorleistungen getreten sind, angesichts des möglichen Spielbetriebs ein Ausfallhonorar einfordern.

Mit Blick auf die strenge Auflagen bei nur 100 Zuschauern auch hier eine Frage der Rentabilität, gerade für kleinere Bühnen, denn „Spielstätten künstlerischer Programme müssten den veränderten Bedingungen angepasst werden.“ Zur Begrenzung von Besucherzahlen sollen in Theatern Sitzplätze oder ganze Sitzreihen ausgelassen werden. Ticketing-Systeme könnten dabei einen Mindestabstand sicherstellen. Zum Vermeiden von Warteschlangen werden Online-Tickets sowie verschiedene Zeitfenster als Lösung gesehen, auch Besucherströme sollen geregelt werden und der Schutz künstlerischer Akteure ist im Blick.

Nach Öffnung erster Bibliotheken und Museen ist es grundsätzlich an der Zeit, weiter über Lockerungen bei kulturellen Veranstaltungen nachzudenken. Die Kulturminister von Bund und Ländern haben am 17. Mai in einem sechs Seiten umfassenden Konzept „Eckpunkte für Öffnungsstrategien“ für die Kulturszene festgelegt.  Sie sprechen sich für eine planvolle Öffnung weiterer kultureller Einrichtungen und Aktivitäten aus, um eine dauerhafte Schädigung der reichhaltigen Kulturlandschaft hierzulande zu verhindern. Ziel sei eine „möglichst zügige Wiederaufnahme des Probenbetriebs für möglichst alle Sparten“. Es sollten zunächst kleinformatige Darbietungen sowohl in geschlossenen Räumlichkeiten als auch im Freien zugelassen werden. Konkrete Termine der Öffnung für größere Veranstaltungen stehen in Deutschland noch aus.

Während der Pandemie hätten „viele Akteure eine beachtliche Kreativität entwickelt, um ihr Publikum digital zu erreichen und somit einen eigenen Beitrag zur kulturellen Grundversorgung zu leisten“. Dass diese Anstrengungen leider nicht ausreichen, um Existenzen auch nur annähernd zu sichern, sehen offensichtlich auch die Kultusminister ein. Sie stellen fest, die Krise bedeute für Kunst- und Kulturschaffende einen tiefen Einschnitt in künstlerische Freiräume und viele Künstler und Einrichtungen seien durch die Beschränkungen existenziell gefährdet. Auch nach der Wiedereröffnungen werde es aufgrund der nötigen Schutzmaßnahmen noch lange hohe Einnahmeverluste geben. Die finanzielle Stützung der Szene solle durch ein „Rettungs- und Zukunftspaket“ des Bundes erfolgen. So hatte bereits Finanzminister Scholz angekündigt, Kulturschaffende sollten Teil des Konjunkturprogramms werden.

Text: Stefanie Göttlich

Foto: Manuel Nägeli, Johnny John, Markus Spiske,