Dass der Bodensee ein internationales Gewässer und das Gebiet drumherum weithin als Vierländer-Region bekannt ist, ist nichts Neues. Wer hier lebt, mitten in Europa und dennoch mit Außengrenze der EU, ist ein länderübergreifendes Leben gewohnt. Die einen weniger, die anderen mehr. Denn nicht nur zum Shopping lockt der Gang über die Grenze.

Egal, ob Brücken- oder eidgenössischer Feiertag, Samstag oder einfach nur ein regnerischer Tag in den Ferien: Schweizer Familien strömen in Scharen über die Grenze nach Konstanz. Ein gewohntes Bild. Im Gegenzug pendeln täglich rund 20.400 Menschen aus der deutschen Bodenseeregion zur Arbeit in die Schweiz. Tendenz steigend. Dort ist das Gehalt im Durchschnitt rund 20% höher als in Deutschland. Höheres Gehalt gepaart mit deutschen Lebenshaltungskosten erklärt also nicht nur den Einkaufstourismus in die eine, sondern auch den Berufspendlerstrom in die andere Richtung. Doch diese Rechnung wäre zu einfach – und schon gar nicht neu. Umfragen haben ergeben, dass das Gehalt oft nur ein erfreulicher Nebeneffekt ist. Vielmehr geben deutsche Pendler an, dass sie klarere Strukturen in der Schweiz schätzen, einfachere Vorschriften (wer etwa schon mal in der Schweiz seine Steuererklärung abgegeben oder eine Krankenversicherung abgeschlossen hat, weiß, wovon die Rede ist) und dass oft anspruchsvollere Aufgaben und Verantwortung bei vergleichbaren Positionen den Reiz ausmachen. Auch wenn hier und da ein Urschweizer Zwischenruf gegen die „Schiess-Dütschen“ ertönt, so mag sich dennoch kaum einer dort ausmalen, was es etwa im Gesundheitswesen bedeuten würde, wenn keine deutschen Fachkräfte mehr über die Grenze kämen. Bis beispielsweise Roboter adäquaten Ersatz leisten könnten, fließt noch viel Wasser den Rhein hinunter.

Pendler-Region

Ein Nachteil ist in der Schweiz allerdings, dass Arbeitnehmer 50+ nur schwer einen (neuen) Job finden. Zu sehr scheuen sich die Arbeitgeber dort vor den im Alter zunehmenden Pensionskassen-Beiträgen und den oft gewerkschaftlich fixierten altersabhängigen Löhnen. Der Grund, warum schon heute rund 600 Menschen aus der Schweiz nach Deutschland zur Arbeit fahren. Vor allem in Gaststätten und Hotelbetrieben sind sie dort gern gesehene Arbeitskräfte, weil sie in der Regel Erfahrung, Etikette und die notwendige Gelassenheit mitbringen.

Ähnlich wie an der westlichen Seite des Bodensees geht’s übrigens auch am Ost-Ende zu: etwa 7.600 Österreicher fahren in die Schweiz zur Arbeit, satte 8.700 nach Liechtenstein. Liechtenstein könnte übrigens ohne Pendler kaum sein, denn es kommen noch etwa 11.750 Schweizer dazu, sodass der Pendleranteil über 53% bei den Erwerbstätigen im Fürstentum beträgt. Die Deutschen wiederum zieht es auch nach Vorarlberg (AT). Rund 3.400 schätzen dort die besseren Arbeitsbedingungen, beispielsweise sei es dort leichter öffentliche Gelder für Projekte zu bekommen. Ebenso hat die Ausbildung einen höheren Stellenwert und bietet Absolventen einer Lehre ebenfalls gute Perspektiven bis zur Weiterbildung als Führungskraft.

Vierländerregion

Infrastrukturausbau über Grenzen hinweg

Zur Pendelei gehört auch eine gute Infrastruktur. Agglomerationsprogramm nennt sich das Förderprogramm des Schweizer Bundesrates, der dicht besiedelte Gebiete dazu animieren will, gemeinsame Zukunftslösungen für Raumplanung und Verkehr zu entwickeln. Ziel ist die Förderung von Verkehrsinfrastrukturprojekten speziell für den Radverkehr und den öffentlichen Verkehr. Diese Projekte können sich auch in Vorarlberg befinden – wenn die Schweizer Seite davon einen Nutzen hat. Als „Region Rheintal“ arbeiten derzeit 11 Schweizer und 10 Vorarlberger Gemeinden mit dem Kanton St. Gallen und dem Land Vorarlberg zusammen.

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www.statistik-bodensee.org, www.kams.ch, www.statista.com

Fotos: Hari Pulko

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