D – Bodman | Bekanntlich wächst man mit seinen Herausforderungen: Mit Stuttgart 21 hat Peter Lenk die derzeit größtmögliche Aufgabe gewählt. In seinem Atelier in Bodman kämpft er mit der Statik und der künstlerischen Ausprägung des acht Meter hohen Objektes, das dereinst einmal vor dem umstrittenen Bahnhof zu stehen kommen soll.

akzent war zu Besuch und hat sich angesehen, wie der Künstler vor Ort und der Laokoon in der Skulptur ringen.

akzent: Dein neuestes Kunstwerk mit dem Titel „Chronik einer Entgleisung“ bezieht sich auf das Projekt S21 und zeigt als Hauptfigur einen Laokoon im Kampf mit einem Intercity 1 . Was hat es damit auf sich?

Peter Lenk: Der antike Laokoon in Vergils Aeneis war ein Seher, der die Trojaner vor einem riesigen hölzernen Pferd warnte – einem Abschiedsgeschenk der Griechen. Die Göttin Athene, die auf Seiten der Griechen stand, ließ ihn daraufhin durch Schlangen erwürgen. Mein „Schwäbischer Laokoon“ ringt mit einem wildgewordenen Intercity; dabei verliert er zwar nicht sein Leben, aber bei vielen S21-Gegnern seine Glaubwürdigkeit. Wegen einer Volksbefragung glaubt er nun das unterstützen zu müssen, wovor er eindringlich gewarnt hatte: Dem Bau des neuen Tiefbahnhofs und einer „unverantwortliche[n] Fahrt ins Desaster“.

akzent: Wie kam es zu dem Projekt?

Peter Lenk: Prominente S21-Gegner wie der Regisseur Volker Lösch und Dr. Winfried Wolf baten mich um eine Satire zu dem Thema und schoben eine Spendenaktion an, die inzwischen auch von Edzard Reuter unterstützt wird, dem langjährigen Vorstandsvorsitzenden der Daimler-Benz AG.

akzent: Und warum der Bezug zur griechischen Mythologie?

Peter Lenk: Ich will eine zweite Ebene. S 21 und das trojanische Pferd haben vieles gemein, was die Gefahren angeht: Beide haben‘s in sich.

akzent: Was wird außer dem nackten Laokoon zu sehen sein? Kannst du schon ein paar Namen nennen?

Peter Lenk: Auf den Reliefs am hohen Sockel streiten und tummeln sich ca. 150 weitere Personen. Thematisiert werden Demonstration, Sturm auf eine Tunneltaufe und die Vision eines Freizeitbades S21 nach einer Überflutung. Über dem Kopf des Laokoon schweben bis auf acht Metern Höhe die verantwortlichen Manager und Politiker in Wolkenkuckucksheim, einem Ort der Wünsche und Sehnsüchte. Doch Personen werden im Vorfeld besser nicht genannt.

akzent: Wann und wo soll der Laokoon aufgestellt werden?

Peter Lenk: Vor dem Stuttgarter Bahnhof neben der Mahnwache 2 – zunächst vorübergehend, bis ein endgültiger Standort gefunden ist. Ich plane mit Sommer des nächsten Jahres – wenn es mit den Spenden gut weitergeht.

akzent: Erfährst Du bei der Suche nach einem Ort für das Kunstwerk eher Unterstützung oder Ablehnung?

Peter Lenk: Eher Unterstützung. Die Bezirksverordnete für Stuttgart Mitte, eine Grüne, ist unbedingt für den Standort vor dem Bahnhof. Der Leiter des Ordnungsamtes ist ebenso dafür. Selbst der entschiedene Befürworter von S21, Claus Schmiedel von der SPD, meinte gegenüber der Stuttgarter Zeitung: „ Das Denkmal muss nach Stuttgart.“ Er sei gespannt auf die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tiefbahnhof. Wenn aber S21 erst einmal eröffnet sei und – wovon er überzeugt sei – bestens funktioniere und alle begeistere, dann erinnere das Denkmal daran, wer alles dagegen gekämpft habe. Sollte es anders kommen und Peter Lenks Satire vom überfluteten Bahnhof böse Realität werden, dürfte einem das Lachen allerdings im Halse stecken bleiben. Aber daran glaubt Schmiedel natürlich nicht. Wie sagte er doch gleich? „Über S21 liegt Gottes Segen.“ Die S21-Gegnerin, Pfarrerin und Stadträtin Guntrun Müller-Enßlin demonstrierte dagegen mit dem Schild „Christen sagen nein!“. Leicht hat‘s der liebe Gott mit S21 jedenfalls auch nicht.

www.lenk-in-stuttgart.de
Spenden für das Projekt sind willkommen unter:
Büro für Frieden und Soziales – BFS e.V.
IBAN DE 04 1605 0000 3527 0018 66

TEXT: MARKUS HOTZ, JULIA LANDIG