Das Theater Konstanz bringt im April ein ganz besonderes Stück in die Spiegelhalle. In „Unter anderen Umständen“ geht es um Verlust und Trauer, genauer gesagt, um ein Paar, das ein Kind erwartet und es verliert.

Ansinnen des Theater-Duos Susanne Frieling und Florian Schaumberger ist es, den bestehenden Mangel an Trauerkultur aufzudecken und den Zuschauenden Wege aufzuzeigen, wie sie mit betroffenen Paaren oder Familien umgehen könnten. Die beiden haben in der letzten Spielzeit sehr erfolgreich das Stück „Karl!“ über Geschwisterkinder (Geschwister von Menschen mit Behinderung) entwickelt und hier bewiesen, dass sie schwere Sujets mit einer gewissen Leichtigkeit erzählen können. Nun geht es wieder um ein Thema, das sie aus dem Kreis der Betroffenen in die Gesellschaft tragen. Im Interview gewähren sie Einblicke in ihre Arbeit.

akzent: Worum geht es in „Unter anderen Umständen“?
Wir beschäftigen uns mit dem Themengebiet der Stillen Geburten und der Sternenkinder. Im Stück folgen wir kammerspielartig einem Paar von dem Moment an, an dem sie von der Schwangerschaft erfahren, bis hin zu dem Moment, an dem sie das Kind beerdigen, und in der Trauerphase danach. Das Stück erzählt chronologisch die Tragik eines solchen Schicksals und thematisiert so unsichtbare Elternschaft. 

akzent: Was war die Intention, das Thema aufzugreifen?
Es gab im Freundeskreis einen Vorfall, bei dem Eltern ihr Kind verloren haben, der große Hilflosigkeit ausgelöst hat und die Einsicht, wie wenig die Gesellschaft mit dieser Form der Trauer umgehen kann. Das zeigt auch die Reaktion der Leute, wenn sie erfahren, um was es in unserer Stückentwicklung geht. Die einen winden sich und sprechen von einem „schwierigen Thema“, die anderen fühlen sich direkt angesprochen und berichten über eigene Erfahrungen mit diesem Thema. Das zeigt, wo dieses Stück verankert ist. Die Unsicherheit und der Unwille oder das Unvermögen, darüber zu sprechen, haben mit Unwissenheit zu tun und hier wollen wir Abhilfe schaffen. 

akzent: Wie haben Sie sich vorbereitet?
Wir haben viel recherchiert und Interviews mit betroffenen Müttern und Paaren geführt und festgestellt, dass es sehr großen Redebedarf gibt. Uns als Theatermacher*innen interessiert hierbei ein dokumentarischer Ansatz. Wir wollen uns auf theatraler Ebene mit der Realität auseinandersetzen. Es geht uns um die Frage, wie wir die Realität ins Theater bringen können. 

akzent: Auf der Bühne sind Schauspielende und Laienspieler*innen. Was reizt Sie an diesem Miteinander?
Es passt zum Konzept, die Realität ins Theater zu holen. Der Chor setzt sich zusammen aus ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten. Mich interessiert die Authentizität, wenn Menschen auf der Bühne stehen, die als Expert*innen des Alltags reden. Das eröffnet eine ganz andere sprachliche Ebene, macht es realer und bleibt nicht nur im Schauspielkosmos. Theater muss die Türen aufreißen und die Leute reinlassen – sowohl im Publikum als auch auf der Bühne.

akzent: In welcher Form gehen Sie das Thema an?
Das Stück ist an eine klassische antike Tragödie angelehnt. Gerade in der Antike sind es die starken Frauenfiguren, die mit ihrem Schicksal hadern und sich diesem mutig stellen. Dieses Motiv fanden wir sehr stark und passend.
Zudem geht es uns darum, einen gewissen Voyeurismus unserer Gesellschaft darzustellen: Was passiert hinter verschlossenen Türen? Wer hatte Schuld? Wie ist es passiert? Wie trauert ein Paar? Eine Gesellschaft, die zwar hinschaut, aber nicht agiert. Weil sie sich nicht traut oder, weil sie nicht weiß, wie. 

akzent: Wie setzen Sie das Thema auf der Bühne um? 
Uns hat am meisten interessiert, wie man abseits beschreibender Situationen eine Empfindsamkeit schaffen kann für die Stille. Also genau für die Momente, in denen Sprache nicht mehr da ist und ein Gefühl der Ohnmacht überwiegt. Wie kann man damit auf der Bühne umgehen, wie füllt man das, ohne zu konkret zu werden? Wir wollen ja auf keinen Fall, dass das Stück zu einer Retraumatisierung führt.
Das Konzept von der Bühne und den Videos verfolgt eine assoziative Annäherung, ein Überprüfen vom Außen und vom Innen. Wir bieten Überschreibungen von Alltagssituationen, in denen sich Paare, die eine Stille Geburt hatten, erinnert, aber auch geborgen fühlen können. Wir haben einen assoziativen Raum geschaffen – mal laut und dann wieder ganz leise: Eine Soundcollage aus Alltags- und vielen Naturgeräuschen, denn schließlich bricht hier eine Naturgewalt auf einmal ins Leben.

akzent: Kein leichtes Thema, gibt es Momente des Aufatmens? 
Wir wollen keinen Abend schaffen, der Angst vor dem Thema macht, sondern wir wollen Berührungsängste abbauen. Es geht nicht darum, nur Schwere zu zeigen. Wir beschreiben einen schweren Zustand und trotzdem ist es ein Anliegen, dass das Stück mehr Facetten hat. Miteinander Lachen zu können ist ganz wichtig, auch für diese schwere Zeit. Es wird Momente zum Aufatmen geben, natürlich immer mit Respekt für das Thema. Gerade der Chor ist sehr sympathisch und bringt einen immer wieder zum Schmunzeln. Auch das Paar kann miteinander sehr humorvoll und witzig sein.

akzent: Was möchten Sie mit Ihrem Stück erreichen?
Der Inhalt des Stücks steht im Vordergrund. Wir hoffen, dass es ein Abend wird, an dem die Zuschauer*innen Empathie für die Geschichte entwickeln. Uns ist wichtig, dass wir mit dem Stück etwas anregen und Menschen danach miteinander in Austausch kommen. Wir appellieren an die Gesellschaft, das Thema aus der Tabu-Ecke herauszuholen, und möchten aufzeigen, was betroffene Familien brauchen. Denn die Trauer ist da, es gibt aber keine ausreichenden Rituale für sie in dieser Gesellschaft, weil der Verlust für die anderen nicht sichtbar ist. Wir wollen, dass Eltern in ihrer Elternschaft anerkannt werden, egal ob das Kind sichtbar ist oder unsichtbar.

06.04., 20 Uhr | Premiere
09./10./12./14./19./20./23./25./28.04. + 10./11.05. | weitere Vorstellungen
Spiegelhalle
Hafenstr.12
D-78462 Konstanz
www.theaterkonstanz.de

Das Stück läuft im Rahmen des Bodenseefestivals „vielstimmig | einstimmig“

Text: Stefanie Göttlich
Beitragsbild: © Micha Kübler