Der umstrittene Verein „Querdenken“, der regelmäßig Corona-Demonstration organisiert – auch die am 29. August, bei der es zu rechtsextremen Eskalationen vor dem Berliner Reichstag kam – will seine nächste Demo an den Bodensee verlegen. Wenn es nach den Organisatoren geht, soll am Tag der Deutschen Einheit in Konstanz ganz groß demonstriert werden.

Gerry Mayr vom Konstanzer Ableger der „Querdenken-711“ hat inzwischen bestätigt, dass am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, eine große Corona-Demonstration der Stuttgarter Initiative „Querdenken 711“ in Konstanz stattfinden soll. Erst plante er eine Menschenkette mit bis zu 250.000 Teilnehmern aus der Vier-Länder-Region Deutschland, Österreich, Schweiz und Liechtenstein, um die europäische Einheit zu symbolisieren und kündigte diese auf facebook an. Nun hat er eine abgespeckte Version als „Kundgebung für Friede, Freiheit und Liebe nach einer Menschenkette“ in Konstanz angemeldet mit 4500 Teilnehmern am Klein Venedig und einer Menschenkette von Vaduz nach Konstanz – allerdings „nur“ noch mit zwanzigtausend Menschen. Der Pressesprecher der Stadt Walter Rügert gab zu Bedenken, dass es aufgrund der Vielzahl der angemeldeten Demonstrationen und der begrenzten Platzkapazität eng werden könnte. Denn bereits vor Anmeldung der Querdenker lagen fünf Anträge anderer Demos für den 3. Oktober vor, inzwischen sind es sogar acht. Die Stadt wird den Antrag der Querdenker nun prüfen. Der Konstanzer OB Burchardt hat sich bereits gegen das Vorhaben der Coronaskeptiker positioniert. Auch die Grünen-Landtagsabgeordnete Erikli fürchtet um den Ruf der Stadt, wenn sie als Bühne für Verschwörungstheoretiker missbraucht wird und verweist zudem auf die Infektionsgefahr. In den sozialen Netzwerken geht es seit Bekanntwerden der Querdenker-Pläne rund, viele Konstanzer und Anwohner der benachbarten Schweizer Stadt Kreuzlingen bringen ihren Unmut zum Ausdruck.

Bislang ging es bei Demos gegen die Coronamaßnahmen in Konstanz ruhig zu – wie hier auf der Marktstätte im April und später im Stadtgarten.

Die Veranstalter der „Querdenker-Demo“ sehen hingegen keinen Anlass für all die Aufregung. Sie sehen auch keine Mitverantwortung für die Geschehnisse vor dem Reichstag und die Tatsache, dass sie Rechtsextremen eine Plattform bieten und seit Monaten Seite an Seite mit ihnen gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren. Vielmehr kritisieren sie die Polizei und wollen mehr Schutz. Immerhin äußerte sich „Querdenken“-Initiator Michael Ballweg nach den letzten Eskalationen zu den Rechtsextremen, die sich regelmäßig mobilisieren und lautstark an seinen Demos teilnehmen. „Die haben mit unserer Bewegung nichts zu tun“, „Querdenken“ sei eine friedliche und demokratische Bewegung, Gewalt habe da keinen Platz. Überhaupt will Ballweg jetzt nichts mehr mit den Krawallmachern zu tun haben – weder mit Rechts- noch mit Linksextremen, noch mit antisemitischem Gedankengut. Wie er sie loswerden will, weiß er wohl nicht. So bleibt es aktuell bei nur einem konkreten Plan, sich der Rechtsextremen und der Störenfriede zu entledigen: die Verlegung der nächsten Demo am 3. Oktober nach Konstanz. Damit sucht er räumlich eine möglichst große Trennung. Weit weg von Berlin in Deutschlands „letztes Zipfele“ hofft er offensichtlich, würden ihm die rechten Gruppen nicht folgen. So sie doch dazu aufrufen sollten, werde er das beobachten.

Ein Szenario wie zuletzt in Berlin will am Bodensee keiner. In Berlin hatten Protestierende, die bei der Coronademo mitliefen, später die Absperrungen zum Reichstagsgebäude durchbrochen und mit schwarz-weiß-roten Reichsflaggen die Treppe gestürmt. Das sorgte für Entsetzen in Politik und Bevölkerung. „Reichsflaggen und rechtsextreme Pöbeleien vor dem Deutschen Bundestag sind ein unerträglicher Angriff auf das Herz unserer Demokratie. Das werden wir niemals hinnehmen“, äußerte sich danach Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Nun wird in Berlin heftig über das Sicherheitskonzept diskutiert.

Auch in Konstanz wird die Frage sein, wie man allein platzmäßig mit so vielen Menschen der „Querdenken-Demo“ samt der angekündigten Gegendemonstrationen im idyllischen Städtchen umgehen will. Bilder von Coronaleugnern, Rechten und Krawallmachern möchte man vom Bodensee aus nicht in die Welt senden. Mit Blick auf mögliche Neu-Infektionen durch die Menschenansammlungen wird eine große Gefahr gesehen, denn von Mundschutz und Mindestabstand halten Querdenker ja wenig. (sg)