Die Regenbogenfahne weht seit dem 19. Februar vor dem Sipplinger Rathaus. Und zwar dauerhaft. Oliver Gortat ist der erste Bürgermeister einer deutschen Gemeinde, der ein sichtbares Zeichen gesetzt hat, für Toleranz, Akzeptanz und gegen Fremdenfeindlichkeit. Im Interview mit Susi Donner erzählt er entwaffnend ehrlich von seinen Beweggründen.

akzent: Herr Gortat, wofür genau steht die Regenbogenfahne für Sie?

Oliver Gortat: Für mich ist die Regenbogenfahne ein klares Zeichen für Frieden, Freiheit, Gleichheit, Akzeptanz, Toleranz und Gerechtigkeit. Aber eben auch für Aufbruch und Veränderung mit dem Ziel, genau dies in unserer Welt zu erreichen. Es ist doch egal, woher du kommst, wer du bist, wie du lebst und wen du liebst. Es ist vollkommen in Ordnung, genauso zu sein, wie du bist. Denn genau so bist du herzlich willkommen. Und dieses Zeichen der Willkommenskultur möchte ich für meine Gemeinde setzen.

akzent: Was hat Sie dazu veranlasst, sie am Rathaus zu hissen – und nicht nur im eigenen Garten?

Oliver Gortat: Aktuell habe ich keinen Garten (lacht). Hier muss man aber auch klar unterscheiden, in welcher Funktion ich diese Fahne gehisst habe. In meiner Funktion als Bürgermeister sehe ich es auch als meine Pflicht an, für ein Leben in einer Welt, in der sich alle Menschen wohlfühlen können und wo Frieden ist, einzustehen. Dies ist meine Vision und dies sollte vom Grundsatz her eigentlich auch für keinen anstößig sein.

Regenbogenfahne vor dem Sipplinger Rathaus

akzent: Gab es einen aktuellen Anlass für Sie, neben dem Jahrestag von Hanau?

Oliver Gortat: Als ich die Regenbogenfahne vor dem Rathaus am 19. Februar, am Jahrestag von Hanau, gehisst habe, war dies der Grund. Das Ereignis von Hanau genau ein Jahr zuvor hat mich sehr mitgenommen, und ja, es hat auch etwas mit mir gemacht. Denn bei diesem Anschlag wurden neun Menschen mit Migrationshintergrund ermordet. Hinter jeder Zahl steckt eine Geschichte, ein Schicksal, eine Familie. Menschen mussten sterben, weil eine Person sich das Recht herausgenommen hat, für sich zu definieren, was richtig und was falsch ist. Und genau hier muss jeder darüber mal ernsthaft nachdenken. Denn dieses Muster, wenn natürlich auch nicht in diesen Ausmaßen, gibt es meines Erachtens auch immer wieder in unserem Alltag. Ich habe mir auf jeden Fall vorgenommen, nicht mehr wegzusehen und für ein friedliches Miteinander einzustehen. Denn mit ein bisschen Abstand betrachtet gibt es zwischen allen Menschen auf der Erde mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede, und die Erfahrungen aus der Geschichte und gerade auch ganz aktuell im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine verpflichten uns alle, für Frieden, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit einzustehen.

akzent: Gibt es außer der gehissten Flagge weitere Aktionen oder Projekte in Sipplingen?

Oliver Gortat: In der Gemeinde Sipplingen wird Toleranz und Akzeptanz in großen Teilen bereits gelebt. Dies zeigt sich auch darin, wie mein damaliger Partner und ich von vielen Menschen herzlich in der Gemeinde aufgenommen wurden.

akzent: Worin wurzelt Ihre offene Art und Einstellung zur Vielfältigkeit der Menschen?

Oliver Gortat: Ich habe als Kind sehr viele großartige Werte mitbekommen, unter anderem, dass alle Menschen gleich sind und niemand ausgegrenzt werden darf. Dies lebe ich bis heute und habe es so verinnerlicht, dass ich im Alltag Unterschiedlichkeiten schon gar nicht mehr wahrnehme. Vom Grundsatz her war die Vielfältigkeit der Menschen doch schon immer da. Nur wurde diese meines Erachtens gerade in früheren Zeiten vermehrt unterdrückt mit allen gesundheitlichen negativen Konsequenzen. In der heutigen Zeit stehen viele Menschen eher dazu, genauso zu sein, wie sie eben sind. Doch auch heute noch findet viel im Verborgenen statt. Es sollten viel mehr Menschen in der Öffentlichkeit zeigen, wer und wie sie sind, sich selbst den Gefallen tun und zu sich stehen. Dann wird sich auch die Gesellschaft an das vermeintliche Anderssein gewöhnen. Meine Hoffnung ist, dass wir irgendwann gar nicht mehr über dieses Thema reden und schreiben oder gar auf die Straße gehen müssen, weil es einfach innerhalb der Gesellschaft normal ist. Es ist doch spannend, dass die Menschen verschieden sind und verschieden denken und nicht alle gleich sind. Um offen zu sein, gibt es für mich persönlich keine Vielfältigkeit. Es gibt Menschen. Punkt.

akzent: Welche Reaktionen haben Sie auf das Hissen der Regenbogenfahne hin erhalten?

Oliver Gortat: Mehrheitlich positive und zustimmende Rückmeldungen. Es gab auch einzelne anonyme, nicht ganz so schöne Briefe. Allerdings erhalten anonyme Briefe von mir im Regelfall keine Beachtung und landen erst gar nicht in meinem Büro auf meinem Schreibtisch, sondern werden von meiner persönlichen Assistentin direkt in den Aktenvernichter manövriert.

akzent: Und welche Reaktionen gab es, weil Sie einen Lebensstil leben, der Sie glücklich macht?

Oliver Gortat: Ich hatte bislang noch nie mit direkten heftigeren Anfeindungen zu kämpfen. Allerdings gibt es hier auch andere Geschichten. Ich rede hier nicht nur von Anfeindungen, sondern auch vom Suizid junger Menschen, die einen anderen Lebensstil leben möchten, aber Angst vor möglichen Reaktionen aus dem Umfeld haben und deshalb als letzten Ausweg nur den Suizid sehen. Darüber sollte grundsätzlich nachgedacht und geredet werden. Meiner Meinung nach soll jeder Mensch das Leben leben, welches ihn persönlich glücklich macht, sofern niemand Drittes damit zu Schaden kommt. Und kein Mensch, keine Institution – auch nicht das Bodenpersonal in einem bestimmten Hauptquartier in Rom – hat das Recht, persönliche Lebensstile, die einen Menschen glücklich machen, zu tadeln.

akzent: Ist gerade der internationale Bodensee der geeignete Ort, Zeichen zu setzen?

Oliver Gortat: Oh ja, da bin ich fest von überzeugt. Die Vierländerregion Bodensee mit Deutschland, Österreich, der Schweiz und dem Fürstentum Liechtenstein und ihren großartigen Menschen ist der perfekte Ort, um Zeichen zu setzen. Ich bin auch davon überzeugt, dass sich hier sicherlich in den nächsten Jahren noch sehr viel mehr Positives tun wird.

akzent: Gerade die aktuelle Situation zeigt, wie eng Toleranz, Akzeptanz und die Klimakrise mit dem Frieden verbunden sind. Was kann jeder in seinem kleinen Kreis tun?

Oliver Gortat: In einem ersten Schritt wäre schon sehr viel geholfen, wenn jeder nicht nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht wäre und sich viel mehr auf das Große und Ganze konzentrieren würde. Ich stelle in Vier-Augen-Gesprächen sehr oft fest, dass viele Menschen eigentlich eine ganz andere Sichtweise und Meinung haben, als sie in der Gruppe mit anderen Menschen zum Ausdruck bringen. Das finde ich sehr schade, um ehrlich zu sein. Aber manche Menschen sind aus verschiedenen Gründen echte Fähnchen im Wind. Je nach Umgebung wandeln sie ihre Ansicht, Vorlieben und gegebenenfalls sogar ihre Art. Hier ist mein Wunsch, dass jeder zu seiner wirklichen Überzeugung steht und diese auch in einer Gruppe oder auch gegenüber der Öffentlichkeit, selbst wenn alle in einer ersten Momentaufnahme anderer Meinung sind, so kommuniziert. Denn erst dann können und werden Wunder geschehen.

akzent: Wenn von Ihnen ein Zitat bezüglich der Vielfältigkeit der Menschen in die Geschichte eingehen sollte, wie würde es lauten?

Oliver Gortat: Wir lernen auf dieser Welt so viel. Aber wir lernen nicht, bedingungslos zu SEIN! Fakt ist: DU bist eine der größten RICHTIGKEITEN, die das Universum je erlebt hat – sei dir dessen zu jeder Zeit bewusst.

Zur Person:

Oliver Gortat ist am 09.09.1986 in Singen am Hohentwiel geboren und in Rielasingen-Worblingen aufgewachsen. Seit Dezember 2017 wohnhaft in Sipplingen am Bodensee. Seit dem 01.07.2017 Hauptamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Sipplingen.

Sein beruflicher Weg:  Verwaltungsausbildung beim Bürgermeisteramt Rielasingen-Worblingen, Fortbildung zum Verwaltungsfachwirt, Fachrichtung Kommunal- und Landesverwaltung an der Verwaltungsschule des Gemeindetags Baden-Württemberg in Karlsruhe, unterschiedliche Positionen bei den Bürgermeisterämtern in Rielasingen-Worblingen und Steißlingen sowie bei der Stadt Schaffhausen in der Schweiz.

In seiner Freizeit ist er leidenschaftlicher Skifahrer, liebt seine Familie, Treffen mit guten Freunden, Wandern, Reisen, Fitness, Wellness, Joggen, seine Hündin Infinity, Aquaristik, Kitesurfen und grundsätzlich Wassersport.

Text: Susi Donner