D – Moos-Bettnang | Sie hat sich nicht wesentlich verändert. Wie sie da in der Tür ihres Hauses steht und mich begrüßt, wirkt sie hellwach und präsent wie eh und je. Dabei ist es fast zehn Jahre her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben.

Zwei Tage vorher hat Rose Marie Stuckert-Schnorrenberg ihren 91. Geburtstag gefeiert. Diesmal „klein, mit der Familie“, wie sie sagt. Beim letzten, dem runden Geburtstag, waren 200 Gäste nach Moos gekommen. Nicht ungewöhnlich für eine Frau, die das kulturelle und soziale Leben der Region seit Jahrzehnten stark beeinflusst. In der Öffentlichkeit wird Rose Marie Stuckert-Schnorrenberg in erster Linie als diejenige wahrgenommen, die den Kunstverein Radolfzell mitbegründet hat, die Kunstausstellungen organisiert und sich als eine der Verantwortlichen der Zonta Hilfe für das Radolfzeller Frauenhaus, die dortige Kinderwohnung oder den Hospizverein eingesetzt hat. Für ihr soziales Engagement bekam sie die Bürgermedaille der Stadt Radolfzell und dann auch noch das Bundesverdienstkreuz. Eine „Pionierin der Frauenbewegung“ nannte man sie damals in der Laudatio und lobte ihr „beeindruckendes frauenpolitisches und soziales Engagement“.

Dabei ist Rose Marie Stuckert-Schnorrenberg vor allem: Künstlerin. Kunst ist ihr Leben, schon immer. Ein Besuch bei ihr, in ihrem denkmalgeschützten Fachwerkhaus im Mooser Weiler Bettnang, ist gleichzeitig eine Reise in die Zeit der Nachkriegs-Künstlerszene auf der Höri, deren letzte lebende Zeugin sie ist. Eine sehr unterhaltsame Reise, schon wegen der vielen Geschichten, die sie zu erzählen weiß. Sie hat alle gekannt, die bildenden Künstler, die vor dem Dritten Reich Zuflucht gesucht haben auf der Halbinsel im Untersee – ganz nah an der Schweizer Grenze, weil sie dort das Gefühl hatten, noch auf deutschem Boden zu leben, aber gleichzeitig vor der NSDAP sicher zu sein. Einige von ihnen hatten durch den Krieg ihre Lebensgrundlage verloren, die Werke der meisten galten als „entartet“. Walter Kaesbach war darunter, der 1933 als Leiter der Düsseldorfer Kunstakademie von den Nazis entlassen wurde, Helmuth Macke, Otto Dix und Max Ackermann. Etwas später folgten Erich Heckel, Ferdinand Macketanz, der Bildhauer Hans Kindermann und nach dem Krieg schließlich kamen Curth Georg Becker, Walter Herzger, Jean Paul Schmitz. Und auch Rudolf Stuckert und seine spätere Frau Rose Marie Schnorrenberg.

Aus Düsseldorf stammend, studierte sie nach dem Krieg zunächst an der Landeskunstschule in Hamburg bei Professor Erich Hartmann, in dessen Meisterklasse sie als junge Kunststudentin aufgenommen wurde. An der Akademie der Bildenden Künste in Düsseldorf war sie Schülerin von Professor Ferdinand Macketanz, einem Vertreter des „Rheinischen Expressionismus“. Schon 1955, kurz nach ihrer Ankunft auf der Höri, war die Künstlerin unter anderem mit Otto Dix, Erich Heckel, Jean-Paul Schmitz und Rudolf Stuckert bei den damals bedeutenden Kunstausstellungen in Singen vertreten. „Es war sehr aufregend für mich, aus der Düsseldorfer Kunstszene hierher zu kommen. Wegen der vielen bekannten Künstler, die hier lebten“, erinnert sich Rose Marie Stuckert-Schnorrenberg. Eine wunderbare Zeit, ganz der Kunst gewidmet. Im Kreis der Kunstschaffenden war sie damals eine der jüngsten. „Jean-Paul Schmitz, Ferdinand Macketanz und ich gingen oft zusammen malen“, erzählt sie und lacht: „Wir sind über den See gesegelt und in Mammern, im großen Park, haben wir gemalt. Wir haben damals die ganze Gegend unsicher gemacht.“ Sie durfte immer Künstlerin sein, auch, nachdem sie 1967 Rudolf Stuckert geheiratet hatte. Da erging es ihr anders als der Mehrzahl der Frauen an der Seite der Künstler damals: obwohl oftmals selbst künstlerisch tätig, standen sie zumeist im Schatten ihrer Männer.

1962 wurde Rose Marie Stuckert-Schnorrenberg Mitglied der Künstlergruppe „Kleiner Kreis“. Mit ihrem Mann, dessen umfangreiche Kunstsammlung zusammen mit seinen eigenen Werken bei einem Bombenangriff in Düsseldorf zerstört worden waren; eröffnete sie in der Konstanzer Zollernstraße die erste Galerie der Stadt. Hier fanden auch viele Werke von Otto Dix einen Käufer, „seltsamerweise meist von außerhalb“, wie sich Rose Marie Stuckert-Schnorrenberg erinnert. Eine besondere Freundschaft verband sie mit Hannes Sauerbruch, der „mit nichts“ anfing und durch großen Fleiß den künstlerischen Durchbruch schaffte.

Die Künstlerin ist eine begnadete Erzählerin. Auf ein Stichwort hin fallen ihr faszinierende Details und Episoden aus der Zeit der Höri-Bohème ein. Für die Künstler sei es damals nicht leicht gewesen, den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien zu verdienen, sinniert sie. Erich Heckel und Otto Dix hätten zu den wenigen gehört, die schon in den zwanziger Jahren Arbeiten verkauften. Später musste man erfinderisch und sehr flexibel sein, um in der kargen Nachkriegszeit zu überleben. Ferdinand Macketanz beispielsweise habe sich folgendermaßen beholfen: Über Kaesbach lernte er den Obstbauern Paul Weber in Bodman kennen. Der hatte Kaesbachs Anregung aufgegriffen, Kunst zu sammeln und zahlte dabei vorzugsweise in Naturalien. So pilgerte Macketanz in regelmäßigen Abständen von Kattenhorn nach Bodman, um dort seine Bilder einzutauschen gegen getrocknete Bohnen oder ein Hühnchen … Der Bauer Weber gelangte auf diese Weise in den Besitz einer bemerkenswerten Kunst-Sammlung. Eine weitere Möglichkeit, damals als Künstler über die Runden zu kommen, waren die „Brotbilder“ genannten Auftragsarbeiten.

Da die Kunst auch für sie nicht immer ein sicheres Auskommen bot – zumal mit zwei Kindern -, war Rose Marie Stuckert-Schnorrenberg 20 Jahre lang in der Internatsschule Schloss Gaienhofen als Kunstpädagogin tätig. Aber auch während dieser Zeit hat sie nie aufgehört, zu malen. Ihr Stil ist unverkennbar. Im Gegensatz zu ihrem Atelier, in dem sich in üppiger Weise Dinge eines ganzen Lebens angesammelt haben, Bücher, Bilder, liebgewordene Gegenstände, ist Rose Marie Stuckert-Schnorrenbergs Malstil eher streng, architektonisch, klar. Bei den Aquarellen gibt es kein Nass-in-Nass, die Farben laufen nicht ineinander. Die Künstlerin lässt viel Weiß stehen. Das Weiß, so erklärt sie, spiele eine ebenso große Rolle wie die Farben. Nicht nur das eigentliche Motiv sei bei der Gestaltung eines Bildes ausschlaggebend, sondern auch das „Negative“, die freie, nicht bemalte Fläche. Die Farben sind zart, fast zurückhaltend, dafür werden Formationen und Strukturen herausgearbeitet und bildhaft veranschaulicht. Erinnerung und eigenes Empfinden sind die Quellen, aus denen die Künstlerin schöpft. Und so wie beides einem ständigen Wandel unterworfen ist, sind die Bilder ganz unterschiedlich akzentuiert. Aber eines bleibt immer: Der architektonische, klare Duktus, der keineswegs im Gegensatz steht zu dem fast verwunschen-poetisch anmutenden Gesamteindruck der Bilder.

Die Weggefährten von damals sind gestorben. Hier und da gibt es Kontakt zu den Kindern, den „Nachgeborenen“. Geblieben ist Rose Marie Stuckert-Schnorrenberg vor allem ein einmaliger Fundus an Erinnerungen, quasi die Essenz aus einem erfüllten Leben, das stets im Zeichen künstlerischen Schaffens stand – und steht, denn die Künstlerin malt noch immer, „jeden Tag ein paar Stunden“.

Werke von Rose Marie Stuckert-Schnorrenberg finden sich unter anderem in der Galerie Kicherer, Stadtstraße 40, D-78267 Aach.

Fotos: Michael Schrodt; www.mschrodt.de