In den Sommerwochen, wenn die Sonne am höchsten steht, braucht man Schatten. Je weiter man nach Süden geht, desto größer werden die Sonnenhüte – wie der mexikanische Sombrero. Und auch am Bodensee sind an der Südseite die Dächer größer.

Das Einkaufszentrum Kirchpark am Marktplatz in Lustenau (Seeraum Mai) ist mit seinen 20 Metern Dachüberstand schon eine beeindruckende Konstruktion. Aber das ist nicht das einzige Dach, das so weit freitragend gebaut ist, und es geht sogar noch weiter.

Diese Dächer sind nützlich, weil keine Stützen auf dem Platz darunter im Weg stehen, und sie sind kleine technische Meisterwerke der Ingenieure und Statiker – und schön gestaltet sind sie auch. Bei manchen hat man aber auch den Eindruck, die Architekten wollten entweder dem Statiker eine besonders schwere Aufgabe stellen, oder sie wollten selbst mit einer besonders spektakulären Form des Gebäudes bekannt werden. Auch wenn Sie nicht gerade an einem sommerlichen Hitzetag den Schatten suchen, sondern bei einem Gewitter mit Platzregen das Trockene, werden Sie dankbar für die großen Dächer sein.

In Winterthur auf den Bus warten

Seit 2013 kann man in Winterthur aus dem Zug aussteigen und unter einem gewaltigen Dach auf den nächsten Stadtbus warten, und wer dafür Zeit hat, kann sich überlegen, wie das wohl konstruiert wurde. So ein Busbahnhof ist immer eine komplexe Aufgabe, an der Architekten, Stadt- und Verkehrsplaner beteiligt sind. Für die Architekten geht es dabei nicht nur darum, ein funktionales Dach zu entwerfen, sondern auch eines, unter dem sich die Leute gerne aufhalten – und dadurch öfter den Bus nutzen. In Winterthur sollte der Platz vor dem Bahnhof – das heißt zwischen Bahnhof, Altstadt und Sulzer-Areal – neu gestaltet werden, um ihm mehr Ausstrahlung und Aufenthaltsqualität zu geben. Unter dem Dach sollte auch die Mobilitätszentrale Platz finden. Sie ist jetzt in dem massiven, sieben Meter hohen Fuß untergebracht, der das ganze Dach trägt. Durch die Aluminiumverkleidung der Unterseite ist schwer erkennbar, wie das Dach darauf liegt, aber wenn man sich den Platz mit Google Earth von oben anschaut, wird es klarer: Von einem Punkt genau über dem Fuß gehen strahlenförmig 20 Träger aus, die das ganze Dach tragen. Weil der Fuß nicht in der Mitte ist, sondern im südöstlichen Viertel, haben die Träger an der weitesten Stelle, in der gegenüberliegenden Richtung etwa 34 Meter bis zum Rand zu überbrücken. Der Bau gilt inzwischen als ingenieurtechnische Meisterleistung, und er könnte ein weiteres Wahrzeichen der Stadt werden, neben den drei Hochhäusern und der zweitürmigen Stadtkirche.

Vor Liechtenstein auf die Papiere warten

An Grenzübergängen hält man sich nicht lange auf, wenn man nichts zu verzollen hat. Aber wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist, kann ein großes Dach schon nützlich sein. Weil Liechtenstein seit fast hundert Jahren einen Zollvertrag mit der Schweiz hat, befinden sich die Zollstationen nur an der Grenze zu Österreich. An dem wichtigen Grenzübergang zwischen Feldkirch und Schaan (bei Feldkirch-Tisis) steht seit 2003 auf Vorarlberger Seite ein Zollamtsgebäude mit einem riesigen Dach, das nur von zwei Stahlstützen getragen wird. Mit 840 Quadratmetern ist es das größte Zollamtsdach in Vorarlberg. In dem „Inselgebäude“ unter dem Dach ist die österreichische und Schweizer Zollabfertigung untergebracht, die durch die umlaufende Verglasung eine gute Übersicht über die Umgebung hat. Die gesamte Dachkonstruktion wiegt insgesamt 150 Tonnen, und man kann davon ausgehen, dass die Statiker damit eine anspruchsvolle Aufgabe hatten.

Und weiter weg …

Wer in der Ferienzeit nicht am Bodensee bleibt, entdeckt auch anderswo neue Dachkonstruktionen, über die man auch als Laie staunen kann, gerade bei den Busbahnhöfen.

Was mir in letzter Zeit in der Schweiz aufgefallen ist, war außer dem inzwischen weltbekannten KKL Luzern auch ein neues Kulturzentrum in Fribourg: Das Theatergebäude mit dem passenden Namen „Équilibre“ („Gleichgewicht“) setzt einen kräftigen Akzent in dem Viertel zwischen Hauptbahnhof und Altstadt. Während der Theatersaal 19 Meter nach hinten überhängt, ragt das oberste Geschoss mit der Probebühne um 15 Meter nach vorne hinaus. So ist der Bau einigermaßen im Gleichgewicht – und an beiden Seiten gibt es jeweils einen schön vor Sonne und Regen geschützten Platz.

Falls von den Lesern und Leserinnen ähnlich große Dächer aus der nördlichen Hälfte der Bodensee-Region gemeldet werden, nehmen wir das Thema gerne wieder auf! Wenden Sie sich dazu gerne an patrick.brauns@gmx.de.

Text & Foto: Patrick Brauns