Der April ist bekannt für seine Wechselhaftigkeit, zumindest, was das Wetter betrifft. Auch die Architektur bietet uns immer wieder Schönes wie ästhetische Wechselbäder. Die gute Architektur muss oft auf Geschmacklosigkeiten „antworten“, wie die Architekten sagen.

Die Schönheit ist Thema

Mit Schönheit befassen sich Architekten eher selten, vielleicht auch ungern. Es ist wichtiger, dass ein Haus zweckmäßig ist, dass es gut funktioniert. Architekturpreise werden nicht für „schöne Bauten“ vergeben, sondern für „gutes Bauen“ oder „beispielhaftes Bauen“. Das Schöne überlassen die Architekten lieber den Publikumszeitschriften wie „Schöner Wohnen“. Weil die Rubrik „Seeraum“ die schönste Nebensache dieser Zeitschrift ist, wollen wir hier mal schauen, was es sonst über die Schönheit in der Architektur zu berichten gibt.

Ein bisschen ändern sich auch bei diesem Thema die Zeiten. In den Programmen der Architekturforen, die ja die Aufgabe haben, die Diskussion über gute Architektur in die Öffentlichkeit zu bringen, kommt der Begriff der Schönheit durchaus vor. Das Architekturforum Ostschweiz, mit Sitz in St. Gallen, hat die Schönheit sogar als Jahresthema für das Programm 2020 gewählt. Dabei geht es auch um Themen am Rand der Architektur, so im April mit dem japanischen Architekten Sou Fulimoto um „Schönheit und Mode“. Moderiert werden die Veranstaltungen (jeweils am ersten Montag im Monat) nicht von einem Künstler, sondern von einer Philosophin und einem Ethiker.
Architekturforum Ostschweiz, www.a-f-o.ch

Gerüste für das Schöne         

Im Dezember hatten wir unter den Beispielen für bemerkenswerte Texte an Baustellen auch den Slogan „Wo Schönes entsteht“ der Schweizer Roth Gerüste, die als eine der anspruchsvolleren Aufgaben in den letzten Jahren die Bergstation auf dem Chäserrugg auf ihrem Zettel hatten. In Flums im Süden des Kantons St. Gallen hängt der Satz an einem größeren Wohnungsbauprojekt sogar auf Rätoromanisch, der vierten Landessprache, deren Klang (und Schriftbild) als schöner als das harte Schwyzerdütsch empfunden wird. Für das Projekt selbst wird passenderweise mit dem Slogan „Leben im Paradies“ geworben – dann muss es ja auch schön werden.

Schönes Rätoromanisch auf Gerüst

Das Grauen und die Sünden              

Wie in der Natur blühen die Gärten in diesem Monat auch im akzent. Nur in einer kleinen, aber leider wachsenden Minderheit der Gärten bleiben auch im Frühling große Flächen grau. Die Mode der Stein- oder Schottergärten wurde in den letzten zwei Jahren durch eine Facebook-Seite und ein im Herbst erschienenes Buch unter dem Etikett „Gärten des Grauens“ bekannt.

Haus mit Steingarten

Der Ausdruck hat inzwischen auch Eingang in die Alltagssprache gefunden, wenn Medien über ein „Verbot von ‚Gärten des Grauens‘“ berichten. In Heiden im Appenzellerland war nur die FDP gegen eine entsprechende Vorschrift.
Buchtipp:  Ulf Soltau: Gärten des Grauens, Eichborn Verlag, 2019

In der Frühzeit dieser Rubrik, im Frühjahr 2005, wurden die Leser hier nach dem Gegenteil des schönen Bauens, nach den Bausünden gefragt. Bei solchen Fragen werden immer gerne die Einkaufszentren und Hochhäuser genannt, in dem Fall waren es das LAGO und das frühere Telekom-Hochhaus. Letzteres bekommt in den nächsten Jahren mit dem Umbau zu einem Wohnhochhaus eine gründliche Verschönerungskur: Die Fassaden werden aufgebrochen und durch begrünte Balkone und Wintergärten aufgelockert.

Bauplan für früheres Telekom-Hochhaus

Schöner Holzbau:

Das Baumaterial Holz ist beim Publikum meistens beliebter als der Beton, auch wenn bei diesem das Prinzip „Es kommt darauf an, was man daraus macht“ gilt. Was beim Holz technisch wie auch ästhetisch möglich ist, zeigt die Ausstellung „Triple Wood“, die leider nur wenige Tage am Bodensee zu sehen war. Ein kleines Mehrfamilienhaus aus dieser Auswahl steht immerhin dauerhaft in Konstanz, nahe der Seepromenade in der Kamorstraße – die übrigen schönen Holzbauten sind auf der Website zu sehen: www.triplewood.eu

Beispiel für schönes Bauen mit Holz

Seeraum-Infos: Die Ausstellung über Reinhold Luger. Grafische Provokation im Vorarlbergmuseum in Bregenz dauert nur noch bis zum 13. April, und sie ist auch in den letzten zwei Wochen noch einen Besuch wert. www.vorarlbergmuseum.at

Text + Fotos: Patrick Brauns

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