Trotz Probenstress und emotionalen Momenten verliert hier keiner den Humor. Keller und Huber sind ein eingespieltes Team – nicht nur am Theater. Seit mehr als 30 Jahren sind sie ein Paar. Auch Tochter Maria Lisa Huber ist mittlerweile vom Theatervirus infiziert. Familie Keller/Huber über Kreativität, alte Schachteln und Schizophrenie. Und Ödön von Horvárth als geistigen Großvater.

Vor wunderschöner Naturkulisse des Seeburgparks, direkt am Bodenseeufer gelegen, sind die Proben für das diesjährige Sommerstück in vollem Gange. Acht Wochen, sieben Stunden am Tag. Trotz 30°C im Schatten hüpft Maria Huber locker leicht durch das Szenenbild. Man muss nicht lange hinsehen, um zu erkennen, dass hier ein Profi am Werk ist. Die 24-Jährige steht kurz vor dem Schauspiel-Diplom am Max Reinhardt-Seminar in Wien. Eine der renommiertesten Schauspielschulen Europas. Hier hatten bereits ihre Eltern studiert und sich dort kennengelernt. Doch dass sie in die schauspielerischen Fußstapfen der Mutter treten würde, war nicht immer klar. Bereits als Fünfjährige stand sie mit ihrer Mutter in „Nora“ auf der Bühne und übernahm fortan mal kleinere, mal größere Rollen. „Aber als Jugendliche habe ich dann boykottiert“, schmunzelt sie heute. Nach mehreren Praktika im sozialen Bereich war für sie klar, dass sie auf jeden Fall „etwas Soziales mit Menschen“ machen möchte. Doch das geht manchmal sehr nahe. „Und so kam ich dann doch zum Schauspiel: Man macht was für Menschen, bringt Freude, und dennoch hat man in seiner Rolle Distanz zu den Schicksalen der Zuschauer“, erklärt Maria Huber, die heute in einer großen Schauspieler-WG in Kreuzlingen lebt. Dass sie in Wien studieren darf, empfindet sie als Privileg: Von rund 800 Bewerbern werden nur 10 genommen. Irgendwie liegt es wohl doch im Blut.

Im See-Burgtheater spielt sie in diesem Jahr die weibliche Hauptrolle in Horváths „Kasimir und Karoline“ – und tut es ihrer Mutter Astrid Keller gleich, die diese Rolle selbst vor 30 Jahren am Theater in Konstanz gespielt hat und heute Regie führt. Doch nicht nur die Figur der Karoline hat Astrid Keller verkörpert. Die Profi-Schauspielerin stand in weit über 100 Stücken auf der Bühne und spielte auch alle großen weiblichen Horvárth-Charaktere. Aber langsam wird die Luft dünn: „Ich habe alle wichtigen Rollen durch“, lacht die lebhafte 60-Jährige, „für alte Schachteln gibt es kaum gute Rollen.“ Vor 20 Jahren hat sie dann erstmals Regie geführt. „Ich konnte mir das zunächst nicht vorstellen, aber Leopold ist mein Supervisor“, sagt sie und lächelt ihren Mann liebevoll an. Der geborene Österreicher ist vielfach ausgezeichneter Regisseur, Produzent und Autor. Doch ans Schauspielern selbst hat er sich nie gewagt: „Du musst dich vergessen können! Und das kann ich nicht.“

„Regie zu führen ist irgendwie schizophren“

1994 haben Leopold Huber und Astrid Keller die Leitung des See-Burgtheaters in Kreuzlingen übernommen. Ziel ist die Produktion von qualitativ hochwertigen Theateraufführungen mit Ausstrahlung über die Grenzen. Das Theater versucht mit aktuellem Volkstheater die Menschen anzusprechen. Zur Inszenierung von „Kasimir und Karoline“ sagt Astrid Keller: „Im Stück, das ursprünglich 1929 zur Zeit der Wirtschaftskrise spielt, geht es darum, was ein Mensch wert ist, wenn er weder Geld noch Papiere, noch Arbeit hat – das ist immer aktuell.“ „Und Horváth ist mein geistiger Großvater“, sprudelt es aus Leopold Huber heraus. Der Österreich-Ungar Horváth (1901-1938) gilt als Erneuerer des Volksstückes.

Die Sonne knallt weiter vom Himmel. Maria rüstet sich mit Sonnenbrille und –creme. Astrid erfrischt sich mit Leopolds selbst gemachtem Holunderblütensaft, den er ihr in einer handbeschrifteten Flasche kredenzt, und die anderen Schauspieler überlegen, wie das mit der Fahrradszene und dem Conférencier-Witz noch besser wirken könnte. Ein lebhaftes Getümmel, in welchem Leopold Zitate theatralisch in die Runde wirft oder sein umfangreiches Wissen zum Besten gibt. Fast schneller als man überhaupt zuhören kann. „Er ist unser wandelndes Lexikon“, bestätigt seine Frau. Auch Maria bringt sich in die Szenengestaltung ein. „Es ist sehr wichtig, dass jeder Schauspieler seine Ideen einbringt. Erstaunlich, welche Gedanken manchmal zutage kommen“, weiß Astrid Keller die Rollengespräche zu schätzen. „Ich versuche nicht vorzuspielen, ich möchte, dass die Schauspieler ihre Rolle selbst entwickeln.“

Das gilt auch für Tochter Maria, die nun ihre eigene „Karoline“ entwickeln muss. „Die Proben sind dazu da, größtmögliche Kreativität freizusetzen“, ergänzt Leopold Huber. Das Schizophrene an der Regie sei – da sind sich beide einig -, dass man sich hineinversetzen muss, aber trotzdem nüchtern hinschauen. Das gelingt ihnen sichtlich gut. Auch bei ihrer Tochter. Und welches ist die große Wunschrolle für Maria? „Ich möchte alles mal spielen“, lacht sie. „Das Größte fand ich aber, als meine Mutter keine Frau, sondern den Kobold Puck aus dem Sommernachtstraum gespielt hat. Das reizt mich auch. Sie ist eine so wunderschöne Frau und hat sich damals alle Haare abrasiert!“ Und ergänzt mit glänzenden Augen: „… und hat es einfach geil gespielt.“

Text & Bild: Tanja Horlacher