Während die Tageszeitungen am 1. April Fake-Storys und schräge Geschichten publizieren, gibt es hier im April im ganz wörtlichen Sinn Schräges zu sehen und zu lesen.

Das kommt oft vor, und vielleicht kennen Sie es auch: Da schreibt man über ein Bauwerk, das unter einem Aspekt herausragend ist – und danach sieht man immer mehr von der Sorte. So ging es der Redaktion dieser Rubrik im Anschluss an den Beitrag über die neue Konzernzentrale der ZF in Friedrichshafen. Diese ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie schnell sich das Bild eines Gebäudes ändern kann. Beim Fototermin für die Märzausgabe war das Wetter nicht so, wie es – auch nach der Prognose – sein sollte, der Himmel war so grau wie der Beton, aus dem es gebaut ist. Zudem haben die Außenanlagen noch ein ziemlich trostloses Bild abgegeben. Vier Wochen später war der Himmel blau, und vor dem Haus zeigt sich das erste Grün – und wenn Sie das Heft bekommen und dann mal dort vorbeischauen, wird es außenherum noch viel grüner sein.

Schräges sieht man aber auch bei Verkehrseinrichtungen, bei denen man es nicht unbedingt erwartet. Der Hauptbahnhof Zürich hat seit der Eröffnung des Tiefbahnhofs vier Schrägaufzüge #2#. Sie wurden eingebaut, weil sich die über- und unterirdischen Bahnsteige nicht genau übereinander befinden. Dafür wurden nicht etwa senkrechte Aufzüge gekippt, sondern im Prinzip eine Standseilbahn gebaut, die eine viel höhere Steigung hat als die, mit denen man in vielen Gegenden auf die Hausberge der Städte fahren kann. Die Steigung von 327 Prozent ist sicher ein Rekordwert in der Schweiz, wobei sich die meisten unter den entsprechenden 73 Grad eher etwas vorstellen können.

Forsthaus Tannau

Etwa 12 Kilometer östlich der neuen ZF Konzernzentrale, im Wald zwischen den Tettnanger Ortsteilen Laimnau und Tannau, steht ein schönes Forstgebäude, das im Februar als angebliche Skandalgeschichte durch die Medien ging. Die Schwäbische Zeitung titelte am 24. Februar „Skandal um ,Waldschloss‘: Hütte für 611.000 Euro“, der SÜDKURIER am selben Tag „Ärgernis aus Weißtannenholz“.

Das Forsthaus Tannau (etwa 500 Meter südlich von Tannau) steht seit 2015 und dient seitdem den Wald- und Forstarbeitern für ihre Arbeiten und als Schutzraum. Es hat einen Raum für die Fahrzeuge und Geräte, einen Aufenthaltsraum und eine Wildkammer – einen Kühlraum für erlegtes Wild. Davor gab es im Tettnanger Forst nur ein paar baufällige Hütten.

Mit dem Bau wollte die Forstverwaltung auch zeigen,was mit der einheimischen Weißtanne technisch und optisch möglich ist. Das Holz stammt von den landeseigenen Wäldern am Gehrenberg, und die Konstruktion wurde so geplant, dass kein einziger Nagel verwendet werden musste. Für die Gestaltung wurde mit Philip Lutz (mit Elmar Ludescher) einer der besten Vorarlberger Holzbau-Architekten engagiert. (Die beiden Architekten haben sich in der nahen Umgebung schon durch den Neubau des Weinguts Schmidt bei Wasserburg-Hattnau einen Namen gemacht.) Der Bau ist quadratisch, mit einem Zeltdach, bei dem der Kamin an der Spitze aber nicht in der Mitte steht, sondern etwas daneben. So sieht das Haus von jeder Seite wieder anders aus, mal steht der Kamin links, mal steht er rechts. Wer näher kommt, sieht auch die Verkleidung der Fassade aus kleinen Douglasienschindeln – und im Aufenthaltsraum der Forstarbeiter die schönen Massivholzmöbel.

Gute Architektur hat ihren Preis, deshalb hat es auch mehr gekostet als ursprünglich geplant, aber mit 610.000 statt 480.000 Euro lange nicht so viel, dass es für einen Skandal taugen würde. Beanstandet wurden die Mehrkosten nicht vom Rechnungshof, sondern vom „Bund der Steuerzahler“, der regelmäßig von ihm ausgewählte Beispiele für „Steuergeldverschwendung“ publiziert. Der Verein ist bekannt für seine Nähe zu CDU und FDP, und seine Mitglieder gehören überwiegend dem gewerblichen Mittelstand an, er kann also nicht für die Masse der Steuerzahler sprechen. Seine „Skandale“ werden aber immer gerne von den Medien aufgegriffen.

Wenn Sie mal bei Tettnang oder im Argental unterwegs sind, können Sie ja schauen, ob das Geld der Forstverwaltung aus dem Holzverkauf (nicht aus dem Landeshaushalt) gut ausgegeben wurde. Das Forsthaus ist einen Umweg wert – und einen Spaziergang außenherum!