Wenn sich Verbraucher und Bauern zusammentun, können sie die Landwirtschaft revolutionieren. Wie das geht, zeigt das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi), die auch am See immer mehr Anhänger hat.

Solidarische Landwirtschaft, das klingt ein bisschen nach LPG und Sozialismus. Aufschlussreicher ist die wörtliche Übersetzung der englischen Bezeichnung „Community Supported Agriculture“: eine von der Gemeinschaft unterstützte Landwirtschaft. Denn genau darum geht es: Eine Gemeinschaft von Verbrauchern unterstützt einen Landwirt direkt, indem sie ihm die regelmäßige Abnahme von Produkten garantiert und damit auch das Ernterisiko mitträgt. „Wir nehmen den Lebensmitteln ihren Preis und geben ihnen so ihren Wert zurück“, ist der Leitspruch der Solawis. Im Kern ist das Konzept ein Statement gegen Massentierhaltung, Monokulturen und die Vernichtung von Lebensmitteln – und für eine vielfältige, naturnahe Landwirtschaft, die nicht auf einen möglichst hohen Gewinn zielt.

Die Solawi hilft vielen kleineren Landwirten, die um das Überleben ihrer Höfe kämpfen. Aber kann man wirklich Leute dazu überreden, Mitverantwortung für einen Bauernhof zu übernehmen? Die Entwicklung zeigt: Man kann. In den letzten zehn Jahren sprießen bundesweit immer mehr Solawis aus dem Boden, in diversen Abwandlungen auch in der Schweiz und in Österreich. Auf der deutschen Seite des Sees sind es inzwischen fünf (s. Anhang).

Die jüngste ist die Konstanzer Solawi, 2018 von drei Frauen gegründet. Interessenten und einen Landwirt zu finden, sei einfach gewesen, berichtet Bernhard Clasen, der im Verein die Öffentlichkeitsarbeit regelt. Schon jetzt gibt es 180 Mitglieder – Familien, Alleinstehende, Studenten, Rentner. Für 2019 konnten in der Bieterrunde 120 Ernteanteile abgegeben werden, beim nächsten Mal werden es schon etwa 150 sein. Das Gemüse wird auf der Insel Reichenau von Landwirt Josef Müller nach ökologischen Richtlinien angebaut.

So funktioniert Solawi: Der Bauer kalkuliert, wie viele Personen er versorgen, beziehungsweise wie viele Anteile er anbieten kann. Dann berechnet er die Kosten für Betrieb und Anbau in einem Wirtschaftsjahr. Der erforderliche Betrag muss in einer Bieterrunde (in Konstanz fand sie im Dezember statt) erreicht werden, wobei es – Solidarität auch hier – durchaus üblich ist, dass manches Mitglied mehr bietet als nötig und damit finanziell schwächere Bieter unterstützt. Mit dem Betrag, den die Mitglieder der Solawi aufbringen, sind die Produktionskosten gesichert. Und die Mitglieder wissen, woher ihre Produkte stammen. In Konstanz handelt es sich bisher vor allem um Gemüse, es gibt aber auch Solawis, die Milchprodukte, Eier und Fleisch einschließen. Frische, Saisonalität, ökologischer Anbau und kurze Wege, das sind nur einige der Vorteile dieser alternativen Vermarktungsidee. Verpackungen fallen natürlich auch weg.

Er habe die Solawi gleich als „tolle Chance“ gesehen, unabhängig arbeiten zu können, sagt Josef Müller. „Als Erzeuger bekomme ich einen festen, reellen Preis. Das Gemüse wird zu hundert Prozent verwertet, auch, wenn es nicht der vom Lebensmittelhandel geforderten Norm entspricht.“ Mehr Wertschätzung, kein Abfall: Das sei überzeugend. Freilich gestalte es sich aufwendiger, auf einer gegebenen Fläche statt einem einzigen Produkt 50 verschiedene Sorten anzubauen, da sei wegen der Kleinteiligkeit viel Handarbeit vonnöten. Aber die Vorteile überwiegen für Josef Müller. Wenn das Unkraut allzu sehr überhandnimmt, helfen Solawi-Mitglieder auch mal auf dem Feld aus. Für viele eine interessante Erfahrung.

Im Sommer zweimal, im Winter einmal pro Woche wird das Gemüse auf der Reichenau kommissioniert und anschließend in acht übers Stadtgebiet verteilte Depots gebracht. Von dort holen sich die Vereinsmitglieder ihre „Anteile“ ab. Das kann, wie im vergangenen heißen Sommer, jeweils sehr viel sein. Oder aber, bei ungünstigem Wetter, eher weniger. Egal. Geteilte Ernte, geteilte Kosten, geteiltes Risiko: Das ist Solidarität. Wenn die Ernte üppig ausfällt, wird gemeinschaftlich eingekocht. In Konstanz haben die Solawi-Leute eine Einmach-AG ins Leben gerufen, denn zusammen macht es mehr Spaß, Rezepte und Erfahrungen können ausgetauscht werden. Auch das macht nämlich, so Bernhard Clasen, Solawi aus: die „schöne, besondere Gemeinschaft“.

Die Solawis am Bodensee:

Solawi Konstanz

www.solawi-konstanz.de

Raderach Solidarische Landwirtschaft

www.solawi-bodensee.de

Solidarische Landwirtschaft Ravensburg

www.solawi-ravensburg.de

Biohof Wild Solidarische Landwirtschaft Bad Waldsee

www.solawi-bad-waldsee.de

SoLaWi Baldenhofen

www.solawibaldenhofen.de