Gefährliche Raubtiere, fleißige Waldameisen, Skelette von ausgestorbenen Tieren, funkelnde Mineralien, imposante Landschaftsreliefs: All das und noch viel mehr findet sich im Naturmuseum St. Gallen. Trotz seines stattlichen Alters von mehr als 175 Jahren präsentiert es sich erfrischend jung und befindet sich seit 2016 in einem architektonisch interessanten Neubau. Weitere zeitgemäße Akzente will der neue Museumsdirektor Dr. Matthias Meier setzen.


akzent: Ein vier Meter langes Nilkrokodil hängt an einer Ausstellungswand in Ihrem Museum. Was hat es damit auf sich?
Meier: Dieses Krokodil ist unser ältestes Sammlungsobjekt. Es wurde von einem Händler in Ägypten gekauft, kam im Jahr 1623 nach St. Gallen und bildete den Anfang eines Naturalienkabinetts, zu dem mit der Zeit auch Vögel, Pflanzen und Samen gehörten. Auf diese Kuriositätensammlung geht unser Haus zurück.

akzent: Gegründet wurde das Naturmuseum St. Gallen dann im September 1846. Worin unterscheidet sich das Museum der damaligen Zeit von dem heutigen?
Meier: Früher wurden die Objekte, die man für schauerlich, kurios oder interessant hielt, in Schaukästen ausgestellt. Heute verstehen wir uns als außerschulischer Lernort für Kinder, Familien, Schulklassen und Einzelpersonen. Wir arbeiten mit modernen didaktischen Methoden, möchten die Menschen beeindrucken und einbinden. Wir wollen ein Ort sein, an dem es viel zu entdecken gibt.

Bild (c) Leo Boesinger

akzent: Was gibt es denn zu entdecken? Wo setzen Sie Schwerpunkte?
Meier: Unser Herzstück ist ein großes Landschaftsrelief der Kantone St. Gallen und Appenzell. Drumherum gruppiert sind heimische Tiere in ihren jeweiligen Lebensräumen wie Fluss, Wiese, Wald, Hochgebirge und Stadt. Auf den anderen Stockwerken unseres Museums geht es um die Erdgeschichte unter dem Titel „Leben im Wandel“, um „verborgene Schätze“ mit Mineralien in einer künstlichen Felshöhle, um Großraubtiere wie beispielsweise auch den Bären als St. Galler Wappentier, um „Natur als Vorbild“ für technische Erfindungen, die der Mensch der Natur abgeschaut hat, sowie um „Energien und Rohstoffe“.

akzent: Sie erwähnten bereits, dass brave Schaukästen den heutigen Ansprüchen an ein Museum nicht mehr genügen. Wie versuchen Sie, Menschen für Natur-Themen zu begeistern?
Meier: Sehr gut kommen unsere Angebote für Kinder und Jugendliche an, vor allem die Experimentierstunden („Jugendlabore“) zu verschiedenen Themen. Junge Forscherinnen und Forscher erkunden dabei im Labor Geheimnisse der Natur. Zudem gibt es spielerisch angelegte Rundgänge für Familien durch die Dauerausstellung und an den Forscherteich im Museumspark. Dreimal im Jahr zeigen wir Sonderausstellungen zu wechselnden Themen aus allen Bereichen der Naturwissenschaften.

akzent: Welche Sonderausstellung ist als nächstes geplant?
Meier: Unter dem Titel „Wildes St. Gallen – der Stadtnatur auf der Spur“ zeigen wir, wie vielfältig die Natur in der Stadt ist. Denn auch Städte sind Hotspots der Biodiversität. Wir zeigen auch, was man tun kann, um diese überraschende Diversität zu erhalten und weiter zu fördern. Diese Sonderausstellung ist vom 4. Juni 2022 bis 26. Februar 2023 zu sehen.

akzent: Was ist noch profilgebend für Ihr Haus?
Meier: Ein besonderes Angebot ist das Projekt „Naturinfo“. Dabei geht es insbesondere um Biodiversität im Siedlungsraum. In Vorträgen, Exkursionen oder Themenführungen zeigen unsere Fachleute unter anderem, was man selbst dazu beitragen kann, um die Vielfalt der heimischen Tier- und Pflanzenwelt im städtischen Umfeld, etwa im eigenen Garten, zu fördern.

akzent: Sie selbst sind seit Februar 2022 Direktor des Naturmuseums St. Gallen. Welche Akzente möchten Sie setzen?
Meier: Der Klimawandel ist ein Thema, über das wir als Naturmuseum stärker aufklären können. Als Geologe möchte ich auch der unbelebten Natur im Museum einen größeren Stellenwert geben. Insbesondere möchte ich künftig auch den Platz der Erde im Universum, wie auch ihre Einzigartigkeit darin besser zeigen. Insgesamt ist mein Anliegen auch in Zukunft ein abwechslungsreicher Mix von belebter und unbelebter Natur sowie der Beziehung von Mensch und Natur. Ausbauen möchte ich Angebote zum Mitmachen. Jugendliche und Erwachsene könnten zum Beispiel an Forschungsprojekten mitwirken, indem sie zu einem bestimmten Thema Beobachtungen in ihrem Lebensumfeld sammeln, die dann von einem Forschungsteam ausgewertet werden.

Naturmuseum St. Gallen
Rorschacher Str. 263
CH-9016 St. Gallen
www.naturmuseumsg.ch

Text: Ruth Eberhardt

Beitragsbild: Museumsdirektor Dr. Matthias Meier | (c) Leo Boesinger