Die Räume, die uns prägen, sind das Thema des Tags der Architektur, der auch dieses Jahr am letzten Samstag im Juni stattfindet.

Wie üblich weisen wir auf die Veranstaltungen der Architektenkammer hin – es soll aber auch eine Anregung sein, schon in den Wochen davor (und danach) die Augen offen zu haben für die aktuelle Architektur.

Der gebaute Raum Die Aufgabe der Architektur ist seit jeher die Schaffung von Räumen. Schon zur Zeit der Pfahlbau-Kulturen wurden mit den Häusern sichere Orte geschaffen, in denen die Leute gegen Witterungseinflüsse wie auch gegen wilde Tiere geschützt waren.

In der Architektur und Stadtplanung geht es um die verschiedensten Räume: In den Wohn- und Arbeitsräumen hält man sich die meiste Zeit auf, in den Abstell- und Kellerräumen weniger. In Zweiraumwohnungen leben viele Singles, und in Großraum-Büros wird der Platz effektiver genutzt. Und über die Bauten selbst hinaus findet man Zwischenräume und Freiräume, die geplant und gestaltet werden.

Die Architektenkammer erklärt dazu: „Unsere Welt ohne Räume gäbe es nicht. Wir leben, arbeiten, wohnen, lernen, erholen, meditieren, sterben in Räumen.

Wir erschaffen Räume für private, öffentliche und gewerbliche Zwecke, für Einzelpersonen und Gemeinschaften auf dem Land und in der Stadt. (…) Es soll nachgespürt werden, wie der Raum prägt: Welche Wirkung übt er aus, wie fühlen sich die Nutzer darin? Und was macht er mit seiner Umgebung? Denn jeder Bau formt auch die Nachbarschaft mit.“ In der deutschen Bodensee-Region verbindet der Bodenseekreis den Tag der Architektur (nach dem Vorbild der Vorarlberger) mit einem Tag der offenen Büros. Weil in der Kreisstadt Friedrichshafen keines dazu bereit war, wird hier ein mit „beispielhaftes Bauen“ ausgezeichneter Kindergarten vorgestellt: die Kita am Riedlepark des Konstanzer Architekturbüros Lanz Schwager.

Offene Türen gibt es dann bei Gerhard Lallinger in der Altstadt von Markdorf, von dort geht es weiter nach Überlingen zur Planstatt Senner, die auf die Planung und Gestaltung von Freiräumen spezialisiert ist – eines der schönsten Beispiele ist die Hafenmole in Unteruhldingen, die auch über die prähistorischen Pfahlbauten informiert.

Der Kreis Ravensburg stellt mit dem Mühlenviertel ein ehemaliges Fabrikgelände vor, das in den letzten beiden Jahren für Wohnzwecke umgebaut wurde. In diesem Bezner-Areal wurden nicht nur die denkmalgeschützten Bauten erhalten, sondern auch andere, die für neue Nutzungen geeignet sind – in Städten mit höheren Bodenpreisen wird in solchen Fällen alles plattgemacht, um das Gelände am effektivsten auszunutzen.

Im Landkreis Konstanz wird der Tag genutzt, um einige Objekte zu zeigen, die im Februar mit der Auszeichnung „Beispielhaftes Bauen“ versehen wurden: das Österreichische Schlösschen (Erweiterung der Stadtbibliothek) in Radolfzell, der Neubau des Max-Planck-Instituts für Ornithologie mit der Vogelwarte Radolfzell in Möggingen, der Synagogenplatz in Gottmadingen-Randegg, das Verwaltungsgebäude Haus Josef des Klosters Hegne – dort ist am Ende auch der Hock auf der Terrasse des kürzlich mit „beispielhaftes Bauen“ ausgezeichneten Campingplatzgebäudes.

Raum und Zeit

In Vorarlberg fanden die Architekturtage schon am 24./25. Mai statt, unter dem Motto „Raum macht Klima“. Der Schwerpunkt der Veranstaltungen war in der „heimlichen Landeshauptstadt“ Feldkirch an der Ill, die mehr durch ihre historische Altstadt und das Schloss bekannt ist, aber auch markante Bauten aus neuerer Zeit, z.B. das Anfang 2015 neu eröffnete Kultur- und Kongresszentrum Montforthaus, vorzuweisen hat.

Auf Schweizer Seite gibt es keine vergleichbare Veranstaltung. Das Architekturforum Ostschweiz hat aber als Jahresthema für 2019 einen ähnlich umfassenden Begriff gewählt: die Zeit. Dazu erklären sie: „Was hat die beständige Architektur mit der flüchtigen Zeit zu tun? (…) Wie gehen wir mit dem Zerfall und der Zeitlichkeit um?“ Diese Frage kann man auch über den See mitnehmen. Bei konkreten Fällen geht es oft um die Frage, ob gute Architektur immer zeitlos ist (oder umgekehrt). Und warum wird zeitlose moderne Architektur von den Laien als „langweilig“ beurteilt? Der Tag der Architektur kann beim Verständnis helfen.

Infos:

www.akbw.de
www.akbw.de/baukultur/tag-der-architektur-2019.html

TEXT: PATRICK BRAUNS
FOTOS: PATRICK BRAUNS, BILD 2: VERUS-MEDIA TOM BENZ