D – Konstanz | Das Theater Konstanz startet nach der Sommerpause mit einem neuen Oberspielleiter in die nächste Spielzeit: Mark Zurmühle wird kreativer Kopf des Ensembles. In seiner neuen Funktion übernimmt er unter Intendant Christoph Nix die künstlerische Gesamtverantwortung und löst Johanna Wehner ab, die sich nach rund drei Jahren jetzt neuen Herausforderungen stellen möchte (siehe Artikel Juli 2017).

Wie Zurmühle mit dem Erbe umgeht und warum Theater hilft, über den Tellerrand hinauszusehen verriet er im Gespräch mit akzent.

akzent: Sie hatten Stationen in großen Städten von Basel bis Berlin. Was zog Sie jetzt nach Konstanz?

Zurmühle: Konstanz hat in meinem Leben eine große Bedeutung. Ich bin in Zürich aufgewachsen und mit 19 weggegangen, da ich gemerkt habe, dass ich Kunst lieber außerhalb der Schweiz studieren und machen möchte. In Basel war ich von 1984 bis 1988 Schauspieldirektor und habe bereits 1983 in Konstanz „Die Kassette“ inszeniert. Für mich hat Konstanz immer ein innovatives, fortschrittliches Theater gehabt: Damals gab es noch das „Mitsprachemodell“. Ich bin regelmäßig und gerne hierher zurückgekehrt. Die Theaterarbeit positioniert sich hier auch politisch und nimmt das Geschehen in der Stadt in die künstlerische Arbeit auf. Ein aufregender Schauplatz mit einem neugierigen und offenen Publikum.

akzent: Was wird unter Ihrer Regie anders werden, was bleibt?

Zurmühle: Das Ensemble bleibt. Mit Johanna Wehner geht eine innovative Regisseurin, die in den vergangenen drei Jahren ein sehr gutes Ensemble engagiert – und mit großer Fürsorge gepflegt hat. Das ist ein Erbe, das ich mit der gleichen Sorgfalt versorgen möchte. Johanna Wehner hat aber auch mit ihrer künstlerischen Arbeit Maßstäbe gesetzt, nach denen wir uns auf der Suche nach auffälligen RegisseurInnen für die kommenden Spielzeiten richten wollen. Es ist ein guter Nährboden vorhanden, der nun wieder neu bepflanzt werden muss. Einen besseren Anfang kann man sich nicht vorstellen.

akzent: Was kann Theater? Was darf Theater?

Zurmühle: Die Zuschauer sollten nach einer Vorstellung anders aus dem Theater rausgehen als sie reingegangen sind. Theater muss „stören“. Es soll Anstoß geben zum Nachdenken oder im besten Fall gar den Anreiz, das eigene Leben in eine neue Richtung zu bewegen, andere Schwerpunkte zu finden. Gewohnheiten ablegen ist anstrengend, aber aufregend! Das Leben wird gefühlt länger, wenn man Stopper setzt und den Mut aufbringt zu etwas Neuem. Die Akteure sollen uns mit ihrem Spiel zeigen, wie man über Schwellen springt und lustvoll Grenzen sprengt. Das hat etwas Befreiendes und bietet letztlich – trotz der Düsternis in zahlreichen Stücken – viel Optimismus.

akzent: Welche Rolle spielt Theater heute im Allgemeinen…

Zurmühle: Theater mischt sich ein und spiegelt Zeitbezüge. Wir beginnen keine Probe, ohne vorher darüber zu sprechen, was in der Welt passiert ist. Das Theater soll verführen, über den Tellerrand hinaus zu schauen. Unser Intendant Christoph Nix kommt gerade aus Afrika, wo er mit jungen Menschen Theater Workshops veranstaltet hat. Er bringt die Menschen dazu, Hoffnung zu entwickeln. Einige Schauspieler aus Afrika kommen regelmäßig nach Konstanz, um mit unserem Ensemble zusammen zu spielen. Die Begegnungen mit der anderen Kultur sind für alle ein großer Gewinn. Theater kann viel bewirken: Schauen Sie sich Vorstellungen der Jugendclubs oder der Tanzclubs an. Da sehen Sie eine politisch engagierte Konstanzer Jugend mit einer enorm kreativen Kraft. Selber auf der Bühne stehen hilft, ein gesundes Selbstbewusstsein und eine soziale Kompetenz zu entwickeln. Die Arbeit in und für Schulen wird bei uns ganz groß geschrieben.

akzent: …und speziell in der „Großstadt Bodensee“?

Zurmühle: Die Menschen haben so ein Glück, hier in dieser Region leben zu können. Das Theater ist in der Lage, die „Großstadt Bodensee“ kulturell zu vernetzen. Mit seinen Kooperationsmöglichkeiten mit umliegenden oder gegenüberliegenden Orten, auch über die Schweizer – und die österreichische Grenze hinweg sind bereits viele Beziehungen gewachsen. Im Moment fährt ein Theatermobil rund um den See: „Reifenprüfung“ heißt das Projekt. Es ist eine Herausforderung für uns, an Orte zu fahren, von wo ein Publikum nicht ohne weiteres nach Konstanz kommen kann. Mit Sicherheit gäbe es in kleineren Orten viele Festsäle und Kneipen-Hinterzimmer, die darauf warten, belebt zu werden. Theater ist authentisch, findet im Moment statt. Es ist ein lebendiges Kontrastprogramm zur „elektronischen Kommunikation“ im Netz. Bei uns spürt man Nähe und erfährt die Geschichten mit allen Sinnen.

akzent: Welches Stück hat Sie persönlich geprägt?

Zurmühle: „Nathan der Weise“. Lessings Ideendrama über Humanismus und Toleranz im Sinne der Aufklärung ist eines meiner Favoriten. Ich freue mich, dass ich es in der kommenden Spielzeit in der Spiegelhalle inszenieren darf. Es passt ins Spielzeitthema, das die Frage stellt: Ist da wer? Leitet eine übergeordnete Macht unsere Geschicke? Lessing untersucht auch, warum wir nicht in der Lage sind, unsere Welt so zu gestalten, dass sie für alle gerecht und lebenswert ist. Es ist keine leichte Kost, aber wir werden es so hinbekommen, dass das Publikum eventuelle Vorurteile diesem Stoff gegenüber ablegen wird.

Zur Person:

Der 64-Jährige Schweizer Mark Zurmühle hat am renommierten Max Reinhardt Seminar in Wien in einer Klasse mit den Machern des See-Burgtheaters Kreuzlingen, Leopold Huber und Astrid Keller (siehe Artikel Juli 2017), Regie und Schauspiel studiert. Er beginnt als Schauspieler an großen Bühnen in Berlin, München und Zürich. Über erste Regieassistenzen wird er 1984 schließlich Schauspieldirektor am Theater Basel. Weitere Leitungsfunktionen folgen, zuletzt als Intendant des Deutschen Theater Göttingen, daneben freie Regietätigkeiten unter anderem am Thalia Theater Hamburg. An das eigene Spiel ist heute nicht mehr zu denken: „Ich habe Angst bekommen auf die Bühne zu gehen, da ich glaube den Zuschauern nicht das geben zu können, was die Inszenierung erfordert. Ich genüge meinen eigenen Ansprüchen als Schauspieler nicht.“ Zurmühle ist seit Oktober 2016 fest in leitender Funktion am Theater Konstanz und ab der Spielzeit 2017/ 18 Oberspielleiter. Er lebt in langjähriger Lebensgemeinschaft und hat einen 19 jährigen Sohn.

www.theaterkonstanz.de

Text & Foto: Tanja Horlacher