D – Konstanz | Mit einem BrechTakel eröffnete Christoph Nix 2006 seine Intendanz am Theater Konstanz, mit „Onkel Wanja“ startete die Spielzeit 2016-2017. „Hab ich mich seit jener Zeit sehr verändert?“, fragt der Arzt Astrow zu Beginn des Stückes, und die Haushälterin Marina antwortet: „Freilich hast du dich sehr verändert. Damals warst du jung und hübsch“. akzent gibt die Frage weiter an Christoph Nix:

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akzent: Haben Sie sich in den zehn Jahren Ihrer Intendanz sehr verändert, und was hat sich in der Stadt Konstanz getan?

Christoph Nix: Ich bin gelassener geworden, denn damals musste ich zukünftig erfolgreich sein, jetzt sind wir erfolgreich. Das erleichtert den Alltag und die künstlerische Arbeit. Damals bin ich mit nur einer Stimme Mehrheit gewählt worden, und es gibt immer Skepsis, wenn ein neuer Intendant kommt. Heute finde ich, dass ich die meisten Dinge, die ich angekündigt habe, auch umgesetzt habe. Ich wollte das Haus öffnen für verantwortliche gesellschaftliche Kreise und mehr jüngere Leute ins Theater holen, ohne die alten zu verschrecken. Ich habe das Haus national bekannt gemacht – das kann man gerade jetzt in diesen Tagen feststellen, wo die Süddeutsche, die FAZ und die WELT das Haus wahrnehmen, und ich wollte in dem Sinne politisch sein, dass man als Künstler oder als Intellektueller die Finger auf Wunden legt und sich in der Stadt einmischt. Das habe ich getan, zur Freude einiger, zum Leid anderer.

akzent: Apropos einmischen: Sie haben sich oft und leidenschaftlich eingemischt – Stichworte Konzerthaus, EADS-Kooperation mit dem Ellenrieder Gymnasium, Scala Kino, Pappelallee – mal mehr, mal weniger erfolgreich …

Christoph Nix: Das ist eine protestantische Haltung: „Wenn morgen die Welt zugrunde ginge, so würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Wir haben ja viel erreicht: Herr Boldt (Kulturbürgermeister 2005-2013) hatte am Anfang die Spiegelhalle infrage gestellt, jetzt hat die Spiegelhalle ein Glasfoyer. Ich hatte vorher ein Ensemble mit 17 Schauspielerstellen und jetzt habe ich 24. Die Schauspieler haben jetzt auch mal frei, um ihre Texte zu lernen und andere Theater zu besuchen. Es hat sich das gesamte technologische Niveau verbessert im Haus. Ich habe nicht erreicht, dass das Haus die finanzielle Absicherung bekommt, die andere Häuser in Städten mit vergleichbarer Größe haben. Das sehe ich auch skeptisch, ob das noch was wird, denn für die Rathauspolitik ist dieses Haus hier meines Erachtens nicht wirklich bedeutend und auch nicht anerkannt. Wenn man sich wirklich mal die Mühe machen würde, sich das Haus anzuschauen, würde man feststellen, dass in weitaus ärmeren Städten die Theater mindestens ein bis zwei Millionen mehr Etat haben. Das älteste Theater des Kontinents ist trotz Hubpodien baulich verrottet, und es ist leider in einem Zustand, in dem dringend Mittel für die Sanierung auch aus Bundesmitteln kommen müssen.

akzent: Sie haben doch Anträge auf finanzielle Mittel gestellt?

Christoph Nix: Nein, der Kulturbürgermeister Andreas Osner hat das an sich gezogen und zur Chefsache erklärt, seitdem habe ich nichts mehr davon gehört.

akzent: Zwölf zusätzliche Stellen haben Sie für das Theater gefordert – wie kommt die Zahl zustande und was ist daraus geworden?

Christoph Nix: Ich habe alle Abteilungen gebeten, auf mindestens drei DIN A4 Seiten zu schreiben, wie ihr Arbeitsalltag aussieht. Da hat beispielsweise die Kostümchefin beschrieben – das war schon vor meiner Zeit ein Skandal – dass nur zwei Frauen die gesamte Wäsche von Hunderten von Inszenierungen waschen und reparieren und den Schauspielern beim Umkleiden helfen; da ist mindestens eine zusätzliche Stelle notwendig. Es sind alles Technikerstellen, keine einzige Künstlerstelle. Ich habe weiterhin festgestellt, dass wir altersbedingt hohe Krankheitsausfälle haben und dass eine Stelle notwendig ist, um die Dekorationen aufzuräumen, damit man auf den Bühnen proben kann, wie in jedem anderen Theater auch und dass seit Jahren hier rechtswidrige Zustände geherrscht haben, weil es keinen Bühnenmeister gab, der den Abenddienst gemacht hat. Die Stelle halte ich für aussichtsreich, weil sich ansonsten das Regierungspräsidium einschalten müsste. Ich bin der Intendant, der eine grundsätzliche Reform des Hauses will, vor allem auch im Technik-Bereich. Wir haben alle Stellen ganz sachlich begründet.

akzent: Sie zitieren gelegentlich André Heller: „Misstraue der Idylle, sie ist ein Mörderstück, schlägst du dich auf ihre Seite, schlägt sie dich zurück.“ Gesetzt den Fall, das Theater Konstanz bekäme deutlich mehr Geld, das Scala Kino bliebe erhalten und die Pappeln wüchsen in den Himmel – was dann? Hätten wir dann eine Idylle?

Christoph Nix: Dann muss ich sofort weggehen … Ich bin jetzt über 60 und gucke mir natürlich auch an: Das Schönste, das ein Mensch erleben kann, ist, wenn er ein bisschen was zurückbekommt und das genießen kann. Das ist mein Ehrgeiz, wenn ich gehe – und das war an den anderen Theatern so, an denen ich viel kürzer war, da habe ich einfach infrastrukturell und ökonomisch mehr erreicht. Aber zu Ihrem Beispiel: Ich habe nichts gegen die Idylle. Das wünschen wir uns doch alle, in der Idylle zu leben, oder?

akzent: Sie misstrauen ihr …

Christoph Nix: Ja, das muss man ja auch, finde ich, damit man nicht träge wird, im Körper und im Geist.


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Ausschnitte aus einem Interview mit Christoph Nix zu Beginn seiner Intendanz 2006:

„Ich bin auf der Suche, was sich hinter der Idylle versteckt.“

„Ich bin parteilos, aber als Künstler ist man auch parteiisch, als Intendant muss man ein Mann des Ausgleichs sein.“

„Wir werden im großen Haus unter großen Namen der Klassik und der Neoklassik neue Stücke entdecken, wir werden eine alemannische Linie hier im Haus versuchen zu fahren. Eine der Hauptlinien wird sein, dass Schauspieler auf der Bühne zusammen mit Bürgerinnen, Bürgern der Stadt spielen, Laien und Professionelle.“

„Ich plane, einen Nachtboulevard zu machen, jeden Samstag um 23 Uhr eine weitere Vorstellung, nicht länger als eine Stunde zehn Minuten. Aber da werde ich vermutlich die Karten selber abreißen, und das mache ich auch, weil mir ein Dienst fehlt, der das macht.“

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