Im Oktober sind die Nächte schon länger als die Tage, aber die Sicht ist besser als im Sommer. Also geht man in die Höhe(n), um Fern- und Weitsicht zu bekommen.

Auch bei diesem Thema ist die Schweizer Seite wieder ergiebiger und deshalb besser bedient, weil dort die Berge höher sind. Wer sich aber ein bisschen mit den Bergen beschäftigt, weiß, dass es bei Bergen nicht auf die Höhe ankommt – hier gilt das Prinzip „size doesn’t matter“. Ein Drumlin in Oberschwaben bietet bekanntlich mehr Aussicht als ein gleich hoher Hügel irgendwo im Appenzeller Vorderland, der von höheren Bergen umgeben ist. Im katholischen Oberland steht aber meistens eine Kapelle (oder zuindest ein Kreuz) auf den Drumlins, wenn wir aber von neuen, sehenswerten Bauten dort erfahren, werden wir auch über diese berichten. Für die Leser auf der deutschen Seite ist die Schweiz auch nicht mehr so teuer wie in den letzten zwei Jahren, nachdem sich der Wechselkurs wieder etwas normalisiert hat.

Türme für die Aussicht

Wo die Landschaft zu flach ist oder die Höhen bewaldet sind, werden immer wieder Aussichtstürme gebaut, damit man weiter sieht. Deshalb gibt es auch rund um den See Türme, vom Gehrenberg bei Markdorf bis zum Hofberg bei Wil, und es kommen immer wieder neue dazu. Im Mai wurde westlich von Kreuzlingen auf dem Thurgauer Seerücken der „Napoleon-Turm“ eröffnet, der so auf dem bewaldeten Höhenzug steht, dass man von seiner Plattform aus auf der einen Seite über den ganzen Untersee und die dahinter liegenden Landschaften sieht, auf der andereren Seite über den Thurgau hinweg auf das Alpenpanorama. Der Name bezieht sich auf einen Turm, der während der Zeit, die Louis Napoléon am See verbracht hat, hier gestanden, aber nicht lange gehalten hat. Deshalb war auch hier die Vorgabe, ihn so zu bauen, dass er länger als nur eine Generation hält. Dafür wurde er so mit Holzlatten verkleidet, dass die Latten den inneren Teil mit der Treppe schützen und ohne großen Aufwand ausgetauscht werden können. Auch die Treppe, die bei solchen Türmen stark beansprucht wird, ist einen Blick wert: stabil und leicht zu erneuern. Leider ist der Turm abends nicht geöffnet, nur die Mitglieder des Fördervereins können im Sommer bis Sonnenuntergang oben bleiben.

Architekt: Peter Dransfeld, www.dransfeld.ch, www.napoleonturm-hohenrain.ch

Alpen-Hütten mit Aussicht

Wer aus dem nordöstlichen Teil unseres Verbreitungsgebiets, also aus dem östlichen Oberschwaben, in die Berge gehen will, hat auch die ganzen Allgäuer Alpen zur Verfügung. Wie schon länger in der Schweiz werden auch hier in den Ostalpen, im Bereich des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins Hütten mit einer zeitgemäßen Architektur gebaut. Eine der jüngsten ist das neue Waltenberger Haus, etwa 15 Kilometer südlich von Oberstdorf (und 45 km Luftlinie vom See entfernt), am Westhang der Mädelegabel. Nachdem die alte Hütte nicht mehr renovierungsfähig war, wurde sie abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt, der im Juni dieses Jahres eröffnet wurde. Um die passende Form für die neue zu finden, ist der Architekt (Peter Fischer aus Oberstdorf) mehrfach hinaufgegangen und hat „die Landschaft gelesen“, bis ein Baukörper entstanden ist, der sich mit einer leichten Biegung wie selbstverständlich an den Hang anpasst und durch die großen Fenster die Sicht auf die gegenüberliegende Bergkette freigibt. Weil die Hütte (2084 m) nur auf einem Wanderweg erreichbar ist, mussten die Baumaterialien mit Hunderten von Hubschrauberflügen hinaufgebracht werden.

www.waltenbergerhaus.de

Ein Pultdach hat auch die neue, 2015 eröffnete Höllentalangerhütte südwestlich von Garmisch-Partenkirchen. Sie liegt zwar nur in einer Höhe von 1387 Metern, aber sie ist eine wichtige Station am Weg zur Zugspitze. Hier hat die Bauform nicht nur praktische und ästhetische Gründe, sie dient auch dem Lawinenschutz, denn eine Lawine kann bei einem so vor einer Felswand stehenden Haus mit einem zum Tal ausgerichteten Pultdach einfach über das Dach hinunterrutschen. Solche Bauformen sind in den Alpen nicht neu, gerade an steilen Hängen wurde schon früher gelegentlich der Fels als Rückwand genutzt. Aber auch solche wenig spektakulären modernen Formen sind für manche Alpinisten schon ein „Sündenfall“, wie eine Initiative „Rettet unsere Berghütten“ aus Bayern über die Höllentalangerhütte schreibt und fordert, die Architektur der Alpenvereinshütten müsste sich an der alpenländischen Kultur mit Oktoberfest, Schlössern, Trachten und Musik der Alpenregionen orientieren.

Ja mei!

Ausstellung „Hoch hinaus! Wege und Hütten in den Alpen“, Alpines Museum des DAV, München, bis 08.04.2018

Fotos: Patrick Brauns, Peter Fischer