„Für mich ist die Grenze der Selbstausbeutung erreicht“

In einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz am 7. November hat Christoph Nix, Noch-Intendant des Theater Konstanz, das definitive Aus des für 2020 geplanten Theaterschiff Atlantis erklärt. In den drei Anrainerstaaten des Bodensees sollten sieben Städte bespielt und so verbunden werden. Ist es jetzt nicht nur das Aus eines Nixschen Projektes, ist es auch das Aus einer grenzüberschreitenden kulturellen Zusammenarbeit?

Ende Oktober erst hatte Christoph Nix in einem Gastbeitrag in den hiesigen Tageszeitungen seinem Ärger über die fehlende gemeinsame Kulturpolitik am Bodensee Luft gemacht und den Politikern, allen voran den Bürgermeistern von Konstanz, Allensbach und Meersburg, Ignoranz gegenüber dem Theater bescheinigt. Jetzt setzt er noch eines oben drauf. In der Pressekonferenz legte er zunächst, in ungewöhnlich ruhiger Manier, die Gründe für das Atlantis-Aus dar. 34 Leute verlassen mit ihm das Haus im kommenden Jahr, weil die Verträge nicht verlängert würden. Doch das ist bei einem Intendantenwechsel nicht ungewöhnlich. Seine Nachfolgerin Karin Becker hatte bereits im Vorfeld verkündet, dass die Zahl der Produktionen geringer ausfallen wird, um die Arbeitsbelastung zu reduzieren und dass sie den Frauenanteil im Team erhöhen möchte. Jetzt sind die Gespräche gelaufen, klar ist, wer geht. Doch die Spielzeit 2019/ 2020 hat gerade erst angefangen…

Die Akkus sind leer

„Ich ziehe die Reißleine. Das Ensemble ist gespalten, die Energie fehlt“, fasst Christoph Nix die aktuelle Stimmung zusammen. „Atlantis muss glänzen! Halb Atlantis geht nicht. Ich habe in meiner Intendantenzeit hier rund 1,5 Millionen Zuschauer auf verschiedenen Bühnen unterhalten, wir waren auf dem Säntis, in Wohnzimmern, im Knast, überall – aber ein Schiff bekommen wir nicht hin…“ Auch sein Akku scheint leer zu gehen. Mit „no country for old men“ beantwortet der 65-Jährige denn auch die Frage, wie es bei ihm persönlich weitergeht. „Ich konzentriere mich jetzt nur darauf, den Spielplan zu erfüllen.“ Keine Luft für außergewöhnliche Projekte also. „Wenn Frau Becker klug ist, übernimmt sie die Idee von Atlantis“, so Nix. Für ihn jedoch sei die Grenze der Selbstausbeutung erreicht.

Das Bodenseeforum – eine Totgeburt

Vor allem mit den Verantwortlichen in Sachen Bodensee Forum rechnet er ab. „Das ist eine Totgeburt und wird immer weiter bezuschusst!“ Langsam läuft Christoph Nix sich warm. „Die haben mir sogar Mitarbeiter abgeworben, indem sie höhere Tarife geboten haben.“ Die Stadt habe eine eigene Konkurrenz zum Theater aufgebaut. Mit der bisher investierten Summe in Höhe von 23 Millionen Euro hätte man heute ein saniertes Theater mit Glaskuppel, aber „stattdessen haben wir eine Baustelle!“ Die Bürger hätten nun eben statt eines Konzerthauses für Orchester ein nicht funktionierendes Kongresshaus. „Stellen Sie sich vor! Wir verkaufen jetzt über die Theaterkasse die Tickets für ein Musical im Bodensee Forum, weil uns der Veranstalter darum gebeten hat. Das ist eine Bankrotterklärung hoch drei, wenn man nicht mal Karten verkaufen kann!“ Leicht ironisch schiebt er nach, dass für ihn nun die Stadt Singen die Hoffnung sei. Da gehe es in Sachen Kultur besser voran.

Der Respekt muss bleiben

Obwohl er noch keine Bilanz seiner Intendantenzeit ziehen wollte („und wenn dann positiv“), äußert er sich dennoch. „Es soll jetzt hier kein trauriger Abgesang werden, wir haben ja noch ein dreiviertel Jahr…“. Aber es sei eben genug. „Ich habe genug hinbekommen – jetzt ist einfach gut. Ich habe hier mehr als genug gemacht, das werden sie sehen, wenn ich weg bin…“. Seine Aufgabe sei jetzt, dass der Respekt bleibe. „Ich bin diese Kastration (durch die Stadt) satt. Das hier hat einen Verfall, wie ich es in anderen Häusern noch nicht erlebt habe. Man muss sehen, wie man es zusammen hält, bevor es unwürdig wird.“

Konferenz zur Kulturpolitik am Bodensee statt Atlantis

Ein „kleines“ Projekt hat Nix dennoch auf dem Plan für seine letzte Spielzeit. Denn das Schiff möchte er nicht einfach untergehen lassen. Die Frage nach einer gemeinsamen Kulturpolitik in der Bodenseeregion stelle sich das Theater weiter. Warum scheint sie nicht zu existieren und was ist machbar? Die Idee ist nun, einen Tag lang auf dem Schiff eine Konferenz über Kulturpolitik am Bodensee abzuhalten. Auch Schauspieler werden an Bord sein. „Und vor allem braucht es jetzt Protagonisten, die kluge Dinge sagen“, so Nix. Die Einladungsschreiben rund um den See seien verschickt. Bleibt abzuwarten, wer sich der Diskussion stellt. Ob es die Bürgermeister sind, denen Nix Ignoranz unterstellt…?

Text + Foto: Tanja Horlacher