Besen- und Rädlewirtschaften in Winzerhöfen sind auch am Bodensee eine liebevoll gepflegte Tradition.

von Heide-Ilka Weber

WeinliebhaberInnen warten meist schon ungeduldig darauf: Wenn draußen vor der Türe eines Winzerhofs ein Besen oder ein Holzwagenrad hängt, kann man sich in Hof und Garten oder in einer rustikal ausgebauten Scheune niederlassen und in geselliger Umgebung gemütlich einen Schoppen trinken und dazu eine zünftige Brotzeit genießen. Weinrädle oder Besenwirtschaften, wie sie am Bodensee genannt werden, sind eine liebevoll gepflegte Institution deutscher Weinkultur, die weit zurück auf einen Erlass Karls des Großen im Jahr 812 reicht. Dieser erlaubte es, den Weinbauern für einige Wochen im Jahr ihre selbst erzeugten Weine direkt im Hof an Gäste auszuschenken. Bis heute hat sich die Tradition der Straußenwirtschaften erhalten und sie ist bei Einheimischen und Gästen gleichermaßen beliebt. Um die 15 Seewinzer öffnen auf der deutschen Seite des Sees oft zwei bis drei Mal übers Jahr ihre Pop-up-Schankstuben. Die Vesperkarte weist in der Regel lokale und regionale Genüsse aus wie Winzerteller, Maultaschen, Sülze, Wurstsalat, Flammkuchen und Dinnete.

Unkomplizierter Genuss

Dem Einfachen, Unkomplizierten wieder mehr Raum geben – das ist jedenfalls die Devise von Sophia Aufricht, Tochter der Winzerfamilie Aufricht. Anfang Mai startete sie mit ihrem „Fräulein Seegucker“ in Meersburg-Stetten bereits in die dritte Sommersaison (von Mai bis September, außer im Juli, Di.-Sa. 12-20 Uhr). Eine frische, moderne Form einer Besenwirtschaft zu praktizieren, das ist das Anliegen von Önologin Sophia Aufricht: Mitten in den Reben sitzen, ein Gläschen exzellenten Wein trinken, dazu dem Zeitgeschmack angepasste, unkomplizierte Gerichte genießen – einfach, ja, aber nicht der nullachtfünfzehn Wurstsalat, sondern diesen mit Gemüsen und Kräutern aus der Umgebung angerichtet, oder ein Tomaten-Melonensalat mit Burrata. Auf der wechselnden Weinkarte kann man aus rund acht Aufricht-Weinen wählen. Die herrliche Lage mit Blick ins Rebengrün und auf den See verleitet auf jeden Fall zu mehr als einem Glas.

Ein Besuch der beliebten rustikalen Besenwirtschaft im Weingut von Thomas Geigerin Meersburg-Riedetsweiler lässt sich wunderbar mit einem Spaziergang durch die Reben der Umgebung verbinden. Der Frühjahrsbesen ist leider schon vorbei, weitere Termine in diesem Jahr sind noch nicht in Sichtweite. Dagegen öffnet die nette Besenwirtschaft im Hof vom Weingut Dilgerin Bermatingen auch im Sommer (Juli-August, täglich außer Mo., 19-23 Uhr, So. 17-22 Uhr). Fast den ganzen Sommer über kann man auch im Reblandhof Siebenhaller in Immenstaad (tgl. ab 18 Uhr, außer Di.) in geselliger Runde Wein trinken und traditionelle Besenwirtschaftsküche, darunter Wurstsalat, Flammkuchen, Schnitzel und Heiße Seelen essen.

Vom Rädle bis zum Buschenschank

Am württembergischen und bayerischen Bodenseeufer wird die Kultur des rustikalen Hofausschanks sogar noch intensiver gepflegt. Dort heißt er Weinrädle oder kurz Rädle und ist auch an einem solchen zu erkennen. Eines der beliebtesten Rädle ist der urgemütliche Weinausschank im Weingut Rottmar in Betznau. Vom 28. Juni bis 31. Juli (ab 18 Uhr, außer Mo.) ist die nächste Öffnungsperiode, dann noch einmal im November bis kurz vor Weihnachten. Die Speisekarte offeriert lokale Spezialitäten wie Sauren Käs, Tellersulz, Maultaschen, Kutteln mit Brot und Dosenfleisch aus Eigenproduktion. 

Ein Erlebnis ist auch das Rädle vom Weingut Schmidtin Wasserburg-Hattnau in der Stube des 300 Jahre alten Bauernhauses der Schmidts mit täglich frisch gebackenem Holzofenbrot und regionalen Köstlichkeiten. Leider ist der Wintertermin schon passé, einen neuen gibt es noch nicht. Ein kleiner Trost ist die originelle Pinot Bar oben im Weingut in Hattnau. Mit klassischen Weinerlebnissen, geselligem Beisammensein und regionalen Köstlichkeiten lockt das Bioweingut Haug in Lindau-Schönau im September in sein gemütliches Spätsommerrädle (ab 16 Uhr, Mo. und Di. geschlossen). Ebenfalls im Lindauer Kellereiweg öffnet im Juli bis Anfang August (06. 07.- 05. 08., ab 16 Uhr außer Sa.) das Schönauer Rädle vom Obsthof und Weinbau Brög. Geboten werden Wein und Most aus Eigenproduktion, deftige Brotzeitteller und Heiße Seelen.

Im idyllischen Garten von Teresa Deufels Degelstein Rädleim gleichnamigen Ortsteil von Lindau (21. 06.-14. 07. ab 17 Uhr, außer So. und Mo.) schmecken die Weine der Biowinzerin gleich nochmal so gut, zumal die Mama für leckere Rädlespezialitäten sorgt. Mit einer Mega-Aussicht punktet das Weinrädle Fiegle in Kressbronn-Berg, geöffnet noch bis Mitte Juni und im Oktober bis Mitte November (etwa ab 17 Uhr, So. ab 15 Uhr). Zum eigenen Wein von der Kressbronner Berghalde gibt’s Vesperteller und schwäbische Seelen. In der Rädle-Stube im Weinhof Hornstein im gleichnamigen Gästehaus in Nonnenhorn werden die Weine von Winzerenkel Clemens Hendricks serviert. Der Frühjahrstermin war im April, neuere Termine stehen noch aus. Den ganzen Sommer über (bis 15. 10. Di.-So., ab 16 Uhr) ist dagegen das Weinrädle Reinhard Marte, ebenfalls in Nonnenhorn, geöffnet.

Zum guten Schluss: Der einzige Heurige am Bodensee imWeingut Möth in Bregenz ist zwar kein klassisches Rädle, hat aber mit seiner grünen Lage in den Reben und dem rustikalen Garten-Ambiente mit langen Tischen den Charakter eines Buschenschanks, wie die Rädle in Österreich genannt werden. Einfach, urig und gemütlich!

Fräulein Seegucker: www.aufricht.de/fraeulein

Weingut Thomas Geiger: www.weingut-geiger.de

Weingut Dilger: www.weingut-dilger.de

Reblandhof Siebenhaller: www.reblandhof-siebenhaller.de

Weinbau Rottmar: www.weinbau-rottmar.eu

Weingut Schmidt: www.schmidt-am-bodensee.de

Schönauer Rädle Richard Brög: www.broeg-schoenau.de

Weinrädle Haug: www.weingut-haug.de

Teresa Deufel: www.teresadeufel.de

Weinhof Hornstein: www.weinhof-hornstein.de

Weinrädle
Reinhard Marte: weingut-marte.de

Weingut Möth: www.moeth.at