Die Schießerei im Grey ist nun einen Monat her. Hier geht es zum Artikel mit allen wichtigen Informationen zum Vorfall.

Es wurde danach viel über Islamismus und dabei mitschwingend immer die „Flüchtlingsproblematik“ thematisiert. Vor allem wurde hervorgehoben, dass der Täter ja Migrationshintergrund habe. Stimmt.

Allerdings nicht nur er.  Denn auch alle Opfer – der erschossene Türsteher Ramazan Ö, der immer noch schwer verletzte Türsteher Mehmet und ein weiterer Sicherheitsmitarbeiter. Überhaupt alle Türsteher, die sich an dem Tag für die Gäste eingesetzt hatten, sowie ein Gutteil der Mitarbeiter und sicher viele Gäste, sowie die vielen Familienangehörigen – kurz alle, die darunter bis heute leiden, haben Migrationshintergrund.

Und sicher waren auch Menschen mit Migrationshintergrund unter den anwesenden Polizisten. Deren beherzter Einsatz, der insgesamt nur rekordverdächtige sechs Minuten dauerte, sicher Schlimmeres verhindert hat.

Jeder der direkt oder indirekt Betroffenen hat seine Geschichte zu erzählen über diesen Abend in einer Konstanzer Diskothek. Und keine dieser Geschichten wird besser oder schlechter, ehrlicher oder unauthentischer durch das Wissen, wo vielleicht die Vorfahren mal herkamen.

Bei einer Person, die wir trafen hat sie allerdings direkten Einfluss und drum finden wir, sollte man auch seiner Geschichte Aufmerksamkeit schenken:

Die Geschichte von Wahid Sulimani, einem jungen Mann, der sich im Tatverlauf dem Täter mutig entgegen stellte und versucht hat, ihm während des Angriffs die Waffe zu entreißen.

Wahid bedeutet der Einzigartige. Ursprünglich aus Afghanistan ist er mit der aktuellen Flüchtlingswelle in Konstanz gelandet. Er ist damit also einer „dieser Flüchtlinge“, denen man in diesem Zusammenhang hier so gern polemisierend Schuld zuspricht. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Unter Einsatz seines Lebens, ohne Nachzudenken hat Sulimani „zur Waffe gegriffen“ – nur eben, auf der anderen Seite. Für ihn – und genau darin liegt das Paradoxon hier – ist „ein Angriff mit Waffengewalt“ keine neue Erfahrung.  Als Afghane bestätigt Sulimani, „habe ich schon viel Leid und Blut gesehen und auch Schießereien erlebt“. Er und sein afghanischer Kollege sind es übrigens auch, die Tage nach der Schießerei das ganze Blut wegwischen werden, von dem heute noch Flecken zu sehen sind, wie dunkle Erinnerungen. Ihm macht das nichts aus, „habe ich in Afghanistan schon oft gemacht“.

Mit Anfang 20 hat er mehr durchgemacht als die meisten anderen Mitarbeiter oder Gäste, die sich an jenem Abend in der Diskothek Grey aufgehalten haben. Und dennoch rennt er nicht weg, als er mitbekommt, dass an seinem Arbeitsplatz geschossen wird. Im Gegenteil, er stellt sich dem Täter sogar entgegen: „Ich habe gehört, wie Leute geschrien haben, dass es Schüsse gibt, also wollte ich helfen“ berichtet er uns. Für ihn sind „doch alle Menschen gleich, egal woher sie kommen“. Deshalb schaut und rennt er nicht weg, als seine Mitmenschen in Gefahr sind, sondern versucht sie vor Schlimmerem zu bewahren, denn es ist doch  „egal ob aus Afghanistan, Iran oder Deutschland, alle Menschen sind gleich“.

Wahid sieht den Täter vom Eingang schiessend heranrennen, das M16 im Anschlag vorstürmend, den Kopf mit einem verknoteten Tuch bedeckt, aggressiver Gesichtsausdruck. Er selbst steht auf Höhe der „Scheune“, einem Discobereich im großen Grey-Areal gleich vorne nahe dem Eingang. Schüsse fallen. Menschen fliehen, schreien, laufen ihm entgegen. Wahid entscheidet intuitiv, geht ein paar Schritte nach vorne, greift nach der Waffe, ringt kurz mit dem überraschten Täter und drückt ihn zur Wand. Doch der reißt sich los und läuft zurück, wieder nach draußen, vielleicht auch verwirrt von dem Angriff.

Dass Wahid noch lebt verdankt er einem Schutzengel, denn der Täter zielt noch im Laufen auf Wahid, drückt ab. Doch das Gewehr hat eine Ladehemmung (wie einige Male an diesem Abend). Statt eines Schusses hört man nur ein leeres Klacken, wie die Polizei dem nachdenklichen Wahid später erklärt. Hier wird die Chance zu Helfen, gegen das Risiko des Getötetwerdens aufgerechnet; tragisch, wenn ausgerechnet der vor dem Krieg aus Afghanistan Geflohene in Konstanz von einer M16, die in Afghanistan Gang und Gäbe ist, erschossen worden wäre. Unglaublich allerdings auch, wenn – wie in einigen Fällen von Amokläufen in Europa bislang – ausgerechnet „der Flüchtling“ den Täter hätte entwaffnen können.

Wahid handelt. Später erst denkt er nach. Auf die Frage wie es ihm mit der Information geht, dass auch er beinahe erschossen wurde, zuckt er unsicher mit den Schultern – „nicht gut“ – aber er lebt und er hat versucht zu helfen, das ist ihm wichtig.

Von der Polizei wurde er im Nachhinein erst öffentlich gesucht, „in seinem Interesse“, wie es hieß (dabei arbeiten im Grey nur zwei Afghanen und man hatte beide schon am Abend befragt). Er sollte „als Mittäter ausgeschlossen“ werden. Denn man hatte seine Fingerabdrücke natürlich auf der Waffe gefunden. Doch seither hat er von den Behörden nichts mehr gehört, das macht ihn stutzig. Und weil er als Afghane, der sich seit zwei Jahren hier aufhält, Deutsch lernt und gerne im Grey arbeitet, weiß, dass gerade Afghanen weniger Asylchancen haben, ist er vorsichtig und hat sich sicherheitshalber einen Anwalt besorgt. Auch seine Kollegen im Grey schützen ihn und schirmen ihn auf Nachfrage lieber misstrauisch ab.

Zuviel ist im Nachgang passiert, geredet – und dann mediengerecht verdreht worden. Deshalb ist es Wahid wichtig, seine Geschichte zu erzählen. Zum Abschluss hat sich er dafür bedankt, dass wir das tun: Wahid Sulimani findet nämlich „alle Menschen sind gleich und man sollte immer versuchen zu helfen, egal um wen es sich handelt – Flüchtling oder nicht, nach Deutschland immigriert oder in Deutschland geboren“.

Leider ist das zunehmend mehr Menschen „gleich“ …

Hinweis zum Video:

Das Interview stammt bereits vom 1.8. – und wurde 2 Tage nach der Tat vor Ort aufgezeichnet.

Ursprünglich wollten wir auf akzent hierzu nichts mehr bringen, auch die undurchsichtige Situation nach der Tat (Ermittlungen, Schutz der Person etc.) kamen erschwerend hinzu, die in einer „Offiziellen Zeugenfahndung“ gipfelten.

Doch die erzählte Geschichte wirft einerseits ein anderes Licht auf die immer noch schwelende „Ausländer- und Flüchtlingsdiskussion“ (nicht nur) in dem Zusammenhang hier und der zeitliche Abstand hilft vielleicht auch beim „emotionsfreieren“ Nachdenken …