Es ist die letzte Spielzeit von Intendant Christoph Nix am Theater Konstanz. Und was für eine. Die Corona-Pandemie hatte auch hier mächtig einiges durcheinander gebracht: wochenlang geschlossene Türen für das Publikum, dann das von der Stadt verordnete vorzeitige Spielende. Auch die von ihm 2007 ins Leben gerufenen Münsterfestspiele drohten dem Virus zum Opfer zu fallen. Doch Christoph Nix wäre nicht er selbst, wenn er locker gelassen hätte. So hat er mit seinem Team jetzt eine Idee zum Theater in Coronazeiten umsetzen können, das zum Zeichen der Hoffnung werden soll.

Nur weil die Türen für das Publikum aufgrund der Corona-Pandemie mehrere Wochen nicht geöffnet werden durften, heißt das nicht, dass sich die Theatermacher hinter den Kulissen ausgeruht hätten. Im Gegenteil. „Wir arbeiten nicht, weil wir müssen, sondern weil wir verschiedene Kunstformen in die Welt bringen wollen“, so Noch-Intendant Christoph Nix. Theater sei kein Medium, sondern die letzte Bastion der Unmittelbarkeit menschlicher Begegnung. Nachdem während der Coronapause einige der für die Bühne geplanten Stücke als Hörspiel online gestellt wurden und Projekte wie „78462 Konstanz – die Theater-WG“ auch überregional Beachtung fanden, liefen dann schließlich auch die Vorbereitungen für „Hermann der Krumme oder die Erde ist rund“ auf Hochtouren. Und das, obwohl lange nicht klar war, wie sich das derzeit kursierende Coronavirus weiterverbreiten und das Freilichtspektakel auf dem Münsterplatz überhaupt genehmigt werden würde.

Theater Konstanz: Hermann der Krumme © Theater Konstanz, Ilja Mess
Theater Konstanz: Hermann der Krumme © Theater Konstanz, Ilja Mess

Hätte das Münsterstück jedoch nicht gespielt werden können, wäre das für Nix auch in Ordnung gewesen: „Ich würde den Hermann sehr gerne machen, aber mein Lebensglück hängt nicht davon ab“, reflektierte der Intendant trotz aller Anstrengungen während der Planungsphase.  Anfang Mai hat der Gemeinderat der Stadt Konstanz schließlich grünes Licht gegeben. Damit setzen die Stadt und das Theater ein Zeichen der Hoffnung.

Theater in Zeiten der Pandemie

Nach dem Lockdown wird nun nach und nach das öffentliche Leben wieder hochgefahren. Politik und Medien stellten dabei anfangs Ladengeschäfte, Schulen, Hotels und Restaurants in den Mittelpunkt. Die Kultur stand hinten an. Gerade jetzt müsse man aber Hoffnungszeichen setzen, war man sich am Theater Konstanz einig. „Wir wollen ein Exempel statuieren und wo geht das besser als draußen“, so Schauspieldirektor Mark Zurmühle. Daher hatte das Team, darunter auch der technische Direktor Holger Bueb, seit Mitte April ein Konzept ausgearbeitet, wie das für den Münsterplatz geplante Stück nun doch öffentlich aufgeführt werden könnte. Dass Christoph Nix neben seiner Arbeit am Theater auch aktiv als Rechtsanwalt tätig ist, kam der Idee zugute. „Wir wollen Theater machen, ohne dass uns fahrlässiges Handeln vorgeworfen werden kann“, so Nix. 

So wurden verschiedene Universitätskliniken mit virologischen Abteilungen angefragt, um die Frage zu klären, wie in aller Vorsichtigkeit doch Menschen zusammenkommen könnten. In Freiburg stieß man bei Hartmut Hengel auf einen theaterinteressierten Wissenschaftler, der in sich in seiner Funktion als Leiter des Virologischen Instituts gerne den Plänen der Konstanzer Theatermacher annahm. Er bewertete das Modell, in welchem sämtliche hygienischen, infrastrukturellen, technischen und künstlerischen Aktionsmöglichkeiten berücksichtigt wurden, als schlüssig und gab aus medizinischer Sicht grünes Licht. So wird es beispielsweise zwei statt bisher nur einer Zuschauertribüne geben und vier Eingänge statt einem. Selbstverständlich sind die Sitzplätze mit Abstand geplant. Zudem wurde die Spielweise auf Distanz choreographiert. So wird etwa der Münsterturm mit einbezogen und Berührungshandlungen erfolgen über Requisiten, die auch als Abstandshalter dienen. Das Theater Konstanz war somit das erste Theaterhaus in Baden-Württemberg, das ein an die Bedingungen des Infektionsschutzes angepasstes Konzept für die Münsterplatzfestspiele vorgestellt und damit in der Öffentlichkeit bundesweit großen Zuspruch erhalten hatte. Auch die Kulturstaatsministerin Monika Grütters und der Präsident des Deutschen Bühnenvereins und Intendant des Deutschen Theaters Berlin Ulrich Khuon unterstützten die Initiative des seit 1607 durchgehend bespielten Theaterhauses am Bodensee.

Der lokale Held

Nix hatte das Stück zwar vor über einem Jahr geschrieben, mit seiner Handlung um den Wissenschaftler, Komponisten und Schriftsteller Hermann von Reichenau (1013-1054) trifft er jetzt aber prompt ins Schwarze. „Wir haben kein Corona-Stück gemacht! Aber es ist jetzt in der Tat das richtige Stück zur richtigen Stunde“, so Nix, der auch Regie führen wird – gemeinsam mit Lorenz Leander Haas und Choreografin Zenta Haerter. Auch die als hochkarätig bekannten Münsterchöre unter der Leitung von Steffen Schreyer werden eine wichtige Rolle spielen. Christoph Nix setzt damit dem lokalen Helden aus dem frühen Mittelalter, dessen Geist sich nicht vom Körper hat einsperren lassen, mit den diesjährigen Münsterfestspielen ein Denkmal. Hermann habe unter erbärmlichen Bedingungen gelebt, aber stets Zuversicht vermittelt. Von Kindheit an schwerbehindert und auch als Erwachsener so eingeschränkt, dass er nur mit Mühe sprechen, kaum schreiben konnte, machte er in großer Bescheidenheit ein großartiges Leben daraus. Er gilt als einer der wichtigsten Gelehrten des 11. Jahrhunderts und genoss eine Freundschaft zu Abt Berno und Papst Leo IX.. Der Geist Hermanns  überflügelt in dem Schauspiel seine Zeit. Er wird nicht verstanden, aber einer versteht ihn, einer aus einer künftigen Zeit, der wahrscheinlich an der gleichen Krankheit leidet wie er: Physiker Stephen Hawking, auch er ein furchtloser Visionär, der sich auf dem Münsterplatz zu Wort meldet.

Theater wo es hingehört

Bei der Idee, im Herzen der Stadt und unter freiem Himmel, Theater zu spielen, wurde Christoph Nix von seiner Vision geleitet, die er schon immer hatte: „Theater muss raus  – mitten unter die Leute, mitten in die Stadt.“ Direkt in seiner ersten Spielzeit in Konstanz ließ er im Sommer 2007 den Münsterplatz in eine Bühne verwandeln. Das Mundartstück „Konstanzer Totentanz“ von Bruno Epple zeigte die Verbundenheit des Theaters mit der Stadt und der Region. Viele, meist ausverkaufte Stücke sollten folgen.

Theater Konstanz: Der Glöckner von Notre Dame © Theater Konstanz, Ilja Mess
Theater Konstanz: Der Glöckner von Notre Dame © Theater Konstanz, Ilja Mess

2012 war dann das Münster selbst quasi einer der Hauptdarsteller bei der Uraufführung von „Der Glöckner von Notre Dame“ in der Regie von Christoph Nix nach dem Roman von Victor Hugo. Und auch Umberto Ecos „Der Name der Rose“ war 2016 mit all den Mönchsgestalten, denen das Ensemble, ein Gesicht, eine Gestalt und eine Stimme gab, wie gemacht für die kirchliche Kulisse. Im Sinne eines „Bürgertheaters“ waren abermals viele Konstanzer als Statisten dabei. Im Sommer 2017 zeigte das Theater das Drama des Schweizer Nationalhelden „Wilhelm Tell“. Mit frischem Blick auf Friedrich Schillers 1804 in Weimar uraufgeführten Meisterwerks griff Regisseurin Johanna Wehner auf den Schweizer Nationalmythos um den Kampf gegen Willkür und Fremdherrschaft zu. 2018 brachte Schauspieldirektor Mark Zurmühle „Cyrano de Bergerac“ als rasantes Mantel- und Degenstück auf den Münsterplatz, der wieder in eine fantastische Bühne verwandelt war: mit einem riesigen Luftschloss und den Münsterglocken, die in den Schlüsselszenen ihren Einsatz hatten.

Hermann der Krumme ist übrigens das letzte Stück in Konstanz unter der Intendanz von Christoph Nix. Er verlässt das Theater Konstanz nach 14 Jahren. Mit seiner Nachfolgerin Karin Becker pflegt er, wie er sagt, einen sehr guten Umgang. Sie ist bereits jetzt mit im Boot. 

Seit 26. Juni ist klar, wohin seine Reise geht. Christoph Nix wird neuer künstlerischer Leiter der Tiroler Volksschauspiele 2021 bis 2024. Dort freut man sich, „dass man mit ihm einen in allen Bereichen so erfahrenen und phantasievollen Theatermacher gewinnen konnte“, so äußern sich der dortige Beirat, die Generalversammlung und die Geschäftsführung der Tiroler Volksschauspiele unisono. Die Entscheidung für Nix war nach öffentlicher Ausschreibung mit 30 Bewerbern einstimmig.

04.07.–02.08., 20.30 Uhr
Münsterplatz, D-78462 Konstanz
+49 (0)7531 900 21 50
www.theaterkonstanz.de

Text: Tanja Horlacher
Fotos: Michael Schrodt und Ilja Mess